{"id":443,"date":"2024-04-05T15:27:13","date_gmt":"2024-04-05T13:27:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=443"},"modified":"2024-04-05T15:29:18","modified_gmt":"2024-04-05T13:29:18","slug":"laurence-le-guen-cent-cinquante-ans-de-photolitterature-pour-les-enfants-bookbird-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=443","title":{"rendered":"Laurence Le Guen: &#8220;Cent cinquante ans de photolitt\u00e9rature pour les enfants&#8221; (Bookbird &#8211; Rezension)"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit&nbsp;<em>Cent cinquante ans de photolitt\u00e9rature pour les enfants<\/em>&nbsp;pr\u00e4sentiert Laurence Le Guen eine Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur, bei der Fotografie eine tragende Rolle spielt. Nach einer Promotion \u00fcber Fotob\u00fccher f\u00fcr Kinder forscht die Autorin heute am&nbsp;<em>Centre d\u2019\u00e9tudes des langues et litt\u00e9ratures anciennes et modernes<\/em>&nbsp;in Rennes zu diesem Thema und kuratiert Ausstellungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das vorliegende Werk hat Laurence Le Guen gut ikonische 80 Werke aus dem Zeitraum von 1866 bis 2020 zusammengestellt. Diese sind s\u00e4mtlich in europ\u00e4ischen (inklusive russischen) und nordamerikanischen Verlagsh\u00e4usern erschienen. In chronologischer Folge wird jedes Buch auf einer oder bisweilen zwei Doppelseiten vorgestellt \u2013 links ein Informationstext sowie eine Vignette des Umschlags, rechts eine oder mehrere Seiten aus dem Werk. Die Qualit\u00e4t der Reproduktionen ist hervorragend, die luftig gesetzten Texte laden zum Lesen ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner knappen Einleitung thematisiert der franko-belgische Historiker und Literaturwissenschaftler Michel Defourny den schweren Stand der Fotografie in der Kinder- und Jugendliteratur: \u201eLange Zeit war das Foto im Kinderbuch unbeliebt. Allerlei \u00c4rzte, Bibliothekare, Buchh\u00e4ndler, P\u00e4dagogen und Eltern waren der Meinung, dass es f\u00fcr Kinder ungeeignet sei. Als Ergebnis eines chemisch-mechanischen Prozesses (\u2026) war es wie von einem Makel gezeichnet. Jahrelang war man der Ansicht, dass die Fotografie die Wirklichkeit verarmt (\u2026). Andererseits wurde sie als zu realistisch wahrgenommen und galt als wenig fantasief\u00f6rdernd, symbolisch nicht aufgeladen und k\u00fcnstlerisch nicht kreativ. Au\u00dferdem war sie f\u00fcr j\u00fcngere Kinder nicht gut lesbar, ihr sollten Zeichnungen, klare Konturen und Farben vorgezogen werden.\u201c In Frankreich, so Defourny, erfolgte die Anerkennung der Fotografie im Buchkontext in den 1980er und 1990er Jahren. Dort pr\u00e4gte der Literatur- und Kunstprofessor Jean-Pierre Montier 1988 den im Titel verwendeten Begriff&nbsp;<em>photolitt\u00e9rature<\/em>, f\u00fcr den es im Deutschen und&nbsp;Englischen keine direkte Entsprechung gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die breite Auswahl an Werken ist der Schwerpunkt des Buchs und zugleich seine gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke. Das Panorama unterstreicht die Vielseitigkeit des Genres&nbsp;<em>photolitt\u00e9rature<\/em>&nbsp;im Kinderbuch. So w\u00e4hlt die Autorin als erstes und letztes Buch Werke mit Texten des M\u00e4rchenautors Hans Christian Andersen. Damit zeigt sie nicht nur eine Kontinuit\u00e4t, sondern auch, wie sehr sich die Art mit Fotos zu erz\u00e4hlen weiterentwickelt hat. Schon im sp\u00e4ten 19. und zu Beginn des 20 Jahrhunderts stehen neben der Illustration von teilweise fiktiven Reiseberichten (\u201eClaudius Bombarnac\u201c, Jules Verne\/L\u00e9on Benett, 1892, 10) und allerlei didaktischen Werken (\u201eDansez, chantez\u2026\u201c, Alice Chavannes, 1908, 20) erste Fotob\u00fccher mit Tieren oder Figuren als Protagonisten (der Hund \u201eSac-\u00e0-Tout\u201c, S\u00e9verine, 1903, 16; das antimilitaristische \u201eWar in Dollyland\u201c, Harry Golding, 1915, 28). Stellvertretend f\u00fcr die propagandistische Nutzung der Fotokunst enth\u00e4lt der Band ein \u201eAb\u00e9c\u00e9daire\u201c (1943, 76) \u00fcber General P\u00e9tain aus der Vichy-Zeit und ein sowjetrussisches Buch f\u00fcr junge Pioniere (\u201ePetiash\u201c, Klucis\/Gustav Gustavovich, 1926, 34), das sich im \u00dcbrigen k\u00fcnstlerischer Mittel der Avantgarde bedient. Ein Meilenstein ist sicherlich \u201eThe First Picturebook\u201c (Edward Steichen\/Marie Steichen Calderone, 1930, 42) \u2013 mit seinen freigestellten Fotografien von Gegenst\u00e4nden aus dem kindlichen Alltag wird es zur Blaupause zahlloser Bilderb\u00fccher f\u00fcr die Kleinsten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine weitere Konstante von den Anf\u00e4ngen (\u201eKathleen in Ireland\u201c, Etta Blaisdell McDonald\/Julia Dalrymple, 1909, 22) bis in die 1970er Jahre (Serie \u201eEnfants du monde\u201c, ab 1953, 98) erscheinen L\u00e4nderportr\u00e4ts, in denen den Leser*innen mittels eines kindlichen Protagonisten ein anderer Kulturkreis nahegebracht werden soll. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts bedienen sich die Fotografen und Autoren der Bilder, um mit fotografischen Mitteln wissenschaftliche oder soziale Themen herauszuarbeiten (\u201eLes bourgeons s\u2019ouvrent\u201c, Jean-Michel Guilcher\/Robert Henri Noailles, 1960, 118-119; \u201eIt\u2019s Wings That Make Birds Fly\u201c, Sandra Weiner, 1968). Schlie\u00dflich demonstriert die Auswahl, dass die Fotografie die Kinder- und Jugendliteratur immer wieder erweitert: das gilt f\u00fcr das Zusammenspiel mit dem Film (Buch zum Film \u201eHistoire d\u2019un poisson rouge\u201c, Roger Mauge, 1961, 120-121) ebenso wie f\u00fcr die schier unbegrenzten M\u00f6glichkeiten durch digitale Bildbearbeitung (\u201eYao le chat bott\u00e9\u201c, V\u00e9ronique Aubry\/Frank Horvat, 1992, 152-153).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung scheinen franz\u00f6sische und US-amerikanische Titel \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Auch wenn diese L\u00e4nder zweifelsohne zahlreiche wegweisende Publikationen aufweisen, h\u00e4tte dem Buch beispielsweise eine deutsche Beteiligung etwa mit \u201eMein Esel Benjamin\u201c (Hans Limmer\/Lennart Osbeck, 1968) oder \u201eManuel\u201c (Stefan Moses, 1967) mehr Ausgewogenheit verliehen. Die Texte sind gut lesbar: Oftmals enthalten sie ausf\u00fchrliche Zitate der K\u00fcnstler und interessante Informationen \u00fcber Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, es fehlt indes ein systematischer Ansatz. Bei manchen Artikeln besteht kaum Bezug zu den gezeigten B\u00fcchern (\u201eMarius le forestier\u201c, Robert Doisneau, 1964, 124-127), andere geraten recht anekdotenhaft (\u201eWar in Dollyland\u201c). Eine Auseinandersetzung mit Rollen- oder Rassenstereotypen etwa in den L\u00e4nderportr\u00e4ts findet nur in Ans\u00e4tzen statt.&nbsp;Erf\u00fcllt&nbsp;<em>Cent cinquante ans de photolitt\u00e9rature pour les enfants<\/em>&nbsp;den von Autorin und Verlag erhobenen Anspruch, hier das erste Standardwerk zum Thema vorzulegen? Wer sich ein Minimum f\u00fcr Kinder- und Jugendliteratur und\/oder Fotografie interessiert, wird mit Freuden in dieses Werk eintauchen. Auch Forscher werden die umfassende und exzellent reproduzierte Sammlung an Fotodokumenten sch\u00e4tzen und weiterf\u00fchrendes Wissen in der Fachliteratur recherchieren. Mit Sicherheit wird dieses sch\u00f6ne Buch dazu beitragen, Interesse und Anerkennung am Genre&nbsp;<em>photolitt\u00e9rature<\/em>&nbsp;auf ein neues Niveau zu heben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Laurence Le Guen: &#8220;Cent cinquante ans de photolitt\u00e9rature pour les enfants&#8221; (\u00c9ditions MeMo, 2022, 224 Seiten)<\/p>\n\n\n\n<p>Eine <a href=\"https:\/\/muse.jhu.edu\/search?action=search&amp;query=author:Oliver%20Ilan%20Schulz:and&amp;min=1&amp;max=10&amp;t=query_term\">englische Version<\/a> dieses Texts in der \u00dcbersetzung von Nikola von Merveldt wurde in der Zeitschrift <a href=\"https:\/\/www.ibby.org\/bookbird\">Bookbird<\/a> (Volume 62, 1, 2024, S. 74-75) ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit&nbsp;Cent cinquante ans de photolitt\u00e9rature pour les enfants&nbsp;pr\u00e4sentiert Laurence Le Guen eine Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur, bei der Fotografie eine tragende Rolle spielt. 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