{"id":418,"date":"2005-06-20T00:27:00","date_gmt":"2005-06-19T22:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=418"},"modified":"2021-01-07T00:39:06","modified_gmt":"2021-01-06T23:39:06","slug":"sonar-2005-barcelona-festivalbericht-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=418","title":{"rendered":"Sonar 2005, Barcelona (Festivalbericht \u2013 FAZ)"},"content":{"rendered":"\n<p>Barcelona, alle Jahre wieder, Mitte Juni: Sonar ist der sonnige Treffpunkt f\u00fcr die Szene der elektronischen Musik. Auch dieses Jahr kamen rund 90 000 Zuschauer zu \u00fcber 130 Konzerten und DJ-Sets. Das offizielle Tagesprogramm bietet im Museum f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssische Kunst im Zentrum Barcelonas Zeit f\u00fcr Open Air und das eine oder andere Experiment. Nachts tanzen Tausende in drei riesigen Hallen in einem Industriegebiet am Stadtrand. Die Vielzahl der Shows \u2013 f\u00fcr jeden Geschmack ist etwas dabei &#8211; sowie die parallel laufende Musikmesse sorgen f\u00fcr ein fachkundiges, kontakt- und feierfreudiges Publikum. Eine Allianz aus findigen lokalen Veranstaltern und Elektronik-Aktivisten aus aller Welt erg\u00e4nzt Sonar zudem um ein reichhaltiges Off-Programm. Etabliertere Plattenfirmen pflegen dahingehend schon seit Jahren enge Verbindungen mit den gro\u00dfen Clubs der Stadt. Kleinere Label k\u00f6nnen sich beispielsweise an diesen Macher aus Barcelona wenden, der w\u00e4hrend des Festivals jeden Abend in einer anderen Location eine Party schmei\u00dft. Und f\u00fcr Bookingagenturen oder trendige Modemarken bleibt immer noch der Strand, ein nahe liegender und zumeist h\u00f6chst angenehmer Veranstaltungsort, um am Rummel des Festivals teilzuhaben und Pr\u00e4senz zu zeigen. Kein schickes Restaurant ohne DJ, kein Trip ohne Tapas, keine Taxis mehr weil zu viele Touristen: Barcelona wirkt nicht wie eine Stadt, in der es jemals besonders langweilig w\u00e4re, doch rund um das Sonar-Festival ist die Stadt im Taumel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der seltenen Live-Darbietungen von Matthew Herberts neuem Album \u201ePlat du Jour\u201c ist zweifellos der erste gro\u00dfe Moment des Festivals. Schon eine halbe Stunde vor Beginn des Auftritts wird der Saal wegen \u00dcberf\u00fcllung geschlossen, schlie\u00dflich muss die Polizei eingreifen, um das Gedr\u00e4nge von mehr als tausend Wartenden aufzul\u00f6sen. Im Saal warnt derweil Herbert, fr\u00fcher vor allem f\u00fcr House und Techno gesch\u00e4tzt, die Tanzw\u00fctigen vor: \u201eThis is different from what I usually do.\u201c Letztes Jahr hat Herbert das Publikum an gleicher Stelle im Chor in \u00c4pfel bei\u00dfen lassen und die Ger\u00e4usche aufgenommen. Mit diesen und anderen Fieldrecordings zum Beispiel in Legebatterien produzierte Herbert \u201ePlat du Jour\u201c, mit dem er die Missst\u00e4nde bei der Produktion von Lebensmitteln und ihrer Vermarktung kritisieren will. Die Verarbeitung der Aufnahmen versteht Herbert als zutiefst symbolischen Prozess. Bei der Auswahl der verwendeten Nahrungsmittel, der Aufnahmeorte oder der Geschwindigkeit der St\u00fccke ist nichts dem Zufall \u00fcberlassen. Linker Kanal Wei\u00dfbrot, rechter Kanal Schwarzbrot: Das Ergebnis ist alles andere als leichte Kost und muss eher als k\u00fcnstlerisches Dokumentarh\u00f6rspiel aufgefasst werden denn als schnell verwertbares Am\u00fcsement. Herbert verlangt von seinen Fans aufmerksames Zuh\u00f6ren und ein intensives Studium der mitgelieferten Informationen. Im Vorteil ist daher, wer wie in Barcelona eine weitgehend selbsterkl\u00e4rende Konzertvorf\u00fchrung sehen kann. Herbert inszeniert sie als Festival der Sinne. Engagierte Visuals, vier Musiker und eine K\u00f6chin, die w\u00e4hrend des Live-Acts ein wohlduftendes Mahl zubereitet. Die Zuschauer h\u00f6ren sich Herberts Lektionen geduldig an, seine politischen Statements genie\u00dfen gro\u00dfen Respekt. Bei heftigem Applaus nimmt sich Herbert die Zeit f\u00fcr den gen\u00fcsslichen Verzehr eines frisch zubereiteten Bratapfels und ein Glas Wein. Doch Stimmung kommt vor allem dann auf, wenn Dani Sicilianos Stimme (leider nur vom Band) oder ein ann\u00e4hernd tanzbarer Beat erklingt. Der abschlie\u00dfende dramaturgische H\u00f6hepunkt wird \u00fcber die Leinw\u00e4nde eingespielt. Matthew Herbert hat ein Essen nachgekocht, das Tony Blair und George W. Bush bei dessen Dankbesuch f\u00fcr die Unterst\u00fctzung im Irak-Krieg einnahmen. Auf einer Picknickdecke drapiert und mit Bildern der Koalition\u00e4re versehen zeigt das Video, wie Herbert das Mahl mit einem Panzer \u00fcberrollt. F\u00fcr diesen polemischen Beitrag zum Krieg der Bilder ist Herbert der Jubel des Publikums in Barcelona gewiss.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Matthew Herberts Wirken durchaus eine fr\u00f6hliche Komponente hat, best\u00e4tigt sich am Abend bei der famili\u00e4ren Party seines Labels Soundslike in einem kleinen Club au\u00dferhalb des Festivals. Das DJ-Set von Herberts Lebensgef\u00e4hrtin Dani Siciliano ist eklektisch-charmant, das des Musikers Brooks ebenso vertrackt wie tanzbar. Dann folgen zwei Franzosen, die eigentlich erst am n\u00e4chsten Tag ihren offiziellen Festivalauftritt haben. Nicolas&nbsp;Sfintescu&nbsp;und Ezechiel&nbsp;Pailhes verk\u00f6rpern seit drei Jahren N\u00f4ze.&nbsp;Produzent Nicolas betreibt das Pariser Techhouse-Label Circus Company, Ezechiel ist professioneller Pianist und schreibt au\u00dferdem Filmmusik. N\u00f4ze entstand aus ihrer gemeinsamen Vorliebe f\u00fcr Improvisation und Free Jazz. Soeben ist ihr erstes Album \u201eCraft Sounds and Voices\u201c erschienen. Auff\u00e4llig ist auf der Platte zun\u00e4chst die Verwendung von Piano Pr\u00e9par\u00e9. Dazu kommt dann viel perkussive, klickernde Rhythmik von Rassel bis Registrierkasse und, wenn es passt, ein gerader Beat. Weiterhin erklingen Stimmen und Ch\u00f6re \u2013 die man eigentlich nie versteht, denn N\u00f4ze singen Lautmalereien, ein englisch klingendes Kauderwelsch, in dem Bruchst\u00fccke sinnentleerter Textphrasen zu erkennen sind. Dank dieser eigenwilligen Komponenten ist der N\u00f4ze-Sound stets klar erkennbar. Auch wenn die St\u00fccke, entsprechend der kreativen Spannung zwischen elektronischer Musik und Jazz, f\u00fcr die ihre Macher stehen, eine erfreulich gro\u00dfe Bandbreite abdecken. Mal m\u00f6chte man einen derwischhaften Walzer aufs Club-Parkett legen, mal qualifiziert sich N\u00f4ze, gest\u00fctzt von einer Bassklarinette, f\u00fcr die Musik eines Kusturica-Films. Trotz avantgardistischer Versuche swingen die meisten St\u00fccke auf Angenehmste. Auf den Humor, der so offensichtlich zu N\u00f4ze geh\u00f6rt, setzen die beiden Pariser auch bei ihrem Auftritt im SonarLab. \u00dcber ein Grundger\u00fcst aus Minimal Techno befeuert Nicolas die Menschenmenge, seine Stimme ist gelebter Exzess. Ezechiel improvisiert auf einem Korg Analog-Synthesizer kurze repetitive Phrasen und wabernde Knarzb\u00e4sse. Eine eher grobschl\u00e4chtige, aber unwiderstehlich Energie geladene Show \u2013 im Convent dels \u00c0ngels tobt das Publikum am fr\u00fchen Nachmittag wie sonst nur zu sp\u00e4ter Stunde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der unterhaltsamsten Konzerte gab auf Sonar ein Android: My Robot Friend. Eigentlich sollten wir eher von einer Performance sprechen. Der Anzug und der Helm der New Yorker Maschine leuchten und blinken wie ein voll dekoriertes Weihnachtsfenster. Fein abgestimmte Videos und live mitgeschnittene Bilder auf den Leinw\u00e4nden erg\u00e4nzen das Spektakel. Zus\u00e4tzlich folgen Pyro-Effekte und absurde Apparaturen, My Robot Friend zieht bei jedem Song ein neues Gimmick hervor und spielt dabei noch sehr erdverbunden Bass. Durch die Verkleidung setzt der K\u00fcnstler eine Reihe von Tabubr\u00fcchen in Szene, die wohl, wenn \u00fcberhaupt, auf dem pr\u00fcden amerikanischen Markt schocken d\u00fcrften: \u201eI am robosexual, I got diarree and I love to masturbate.\u201c Dieses UFO schwebt von Techno nach New Wave und landet letztlich in der gro\u00dfen Abteilung Pop. Im selben Bereich sind auch General Electrics zu Hause. Man nehme einige Funk und Soul-St\u00fccke aus den 70ern, f\u00fcge ihnen noch eine Prise britisches Singing und Songwriting hinzu \u2013 rotzig oder voll Schmalz, je nach Bedarf, wie etwa bei den fr\u00fchen Kinks \u2013 und bekommt so eine Vorstellung vom Stil dieser Band. Herausragend Herv\u00e9 Salters, der seine Keyboards so frenetisch spielt, dass er damit ganz allein wahlweise einen slappenden Bassisten samt Schlagzeuger oder die Rhythmusgruppe einer Ska-Formation ersetzen kann. Aber die anderen Musiker \u00fcberzeugen ebenso durch ihre Spielfreude, so dass General Electrics vor allem als dynamisches Ensemble in Erinnerung bleibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es dem Zufall oder einer gl\u00fccklichen Auswahl zu verdanken \u2013 im R\u00fcckblick auf das Festival entsteht jedenfalls der Eindruck, die elektronische Musik h\u00e4tte das Performen gelernt. Matthew Herberts Wille, seinen aufwendigen Ansatz auf der B\u00fchne zu veranschaulichen, das \u00fcberdrehte Entertainment von N\u00f4ze, die ausgefeilte Kost\u00fcm- und Multimediashow von My Robot Friend: Die K\u00fcnstler versuchen, die mit ihrer Musik verbundene Bildschirmt\u00e4tigkeit von der B\u00fchne zu verbannen und bem\u00fchen sich, dem Publikum die Fr\u00fcchte ihrer Arbeit m\u00f6glichst eigenst\u00e4ndig zu pr\u00e4sentieren. Hasta luego in allen \u00fcbrigen Clubs der Welt!<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Barcelona: Oliver Ilan Schulz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barcelona, alle Jahre wieder, Mitte Juni: Sonar ist der sonnige Treffpunkt f\u00fcr die Szene der elektronischen Musik. Auch dieses Jahr kamen rund 90 000 Zuschauer zu \u00fcber 130 Konzerten und DJ-Sets. Das offizielle Tagesprogramm bietet im Museum f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssische Kunst im Zentrum Barcelonas Zeit f\u00fcr Open Air und das eine oder andere Experiment. Nachts tanzen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,8],"tags":[6,15,4,33,24],"class_list":{"0":"post-418","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"hentry","6":"category-autor-redakteur","7":"category-musikjournalismus","8":"tag-autor-redakteur","9":"tag-clubkultur","10":"tag-faz","11":"tag-festivalbericht","12":"tag-techno","13":"","14":"blog-left-layout","15":"blog-style-postblock","17":"blog-alt-odd"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=418"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":423,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/418\/revisions\/423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}