{"id":182,"date":"2002-11-13T15:40:00","date_gmt":"2002-11-13T14:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=182"},"modified":"2021-01-07T00:14:18","modified_gmt":"2021-01-06T23:14:18","slug":"artikel-fuer-jungle-world-abschiebegefaengnis-arenc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=182","title":{"rendered":"Das Abschiebegef\u00e4ngnis Arenc (Reportage \u2013 Jungle World)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die letzte Station<\/h2>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">In einem maroden Geb\u00e4ude im Hafen von Marseille warten Einwanderer auf ihre Abschiebung. <\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Oliver Ilan Schulz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Abschiebegef\u00e4ngnis Centre Arenc befindet sich direkt am Kai des Handelshafens von Marseille. Links und rechts warten die F\u00e4hren auf die Abfahrt nach Korsika. Die landw\u00e4rts gelegene Stirnseite des Geb\u00e4udes ist frisch gestrichen. An den L\u00e4ngsseiten reichte es nur f\u00fcr den zweiten Stock, wo die R\u00e4ume des Centre liegen. Um so deutlicher erkennt man an dem ansonsten leer stehenden Haus das marode Fundament. Im Erdgeschoss sind die morschen Holzt\u00fcren vernagelt, alle Fenster sind geborsten, Stacheldraht blockiert den Zugang zu den Balustraden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arenc ist eines der 23 franz\u00f6sischen Centres de Retention Administrative (CRA), in denen die Beh\u00f6rden Einwanderer zw\u00f6lf Tage lang festsetzen d\u00fcrfen, um ihre Abschiebung zu organisieren. Die meisten Gefangenen sind Migranten ohne g\u00fcltige Aufenthaltspapiere. Aber auch straff\u00e4llig gewordene legalisierte Einwanderer m\u00fcssen dort auf ihre Ausweisung warten. Rund 2 000 Migranten wurden im vergangenen Jahr in Arenc festgehalten, rund 60 Prozent wurden abgeschoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Besichtigung des Lagers ist nicht erw\u00fcnscht, es gibt allerdings die M\u00f6glichkeit, den Namen eines Abschiebeh\u00e4ftlings in Erfahrung zu bringen und sich in einem Besucherzimmer mit ihm zu unterhalten. Eine rundum vergitterte Treppe mit drei T\u00fcren und ebenso vielen Kameras f\u00fchrt zum Eingang des Zentrums. \u00bbDas Besuchszimmer ist besser als die anderen R\u00e4ume hier\u00ab, sagt Mourad Bensaid * \u00fcber den fensterlosen, hellbraun gekachelten Quader mit Plastikblumen und verblassten Bildern. Wie drei Viertel der Insassen des Centre Arenc stammt Bensaid aus Nordafrika. Der Algerier ist 19 Jahre alt und kam mit 13 illegal nach Frankreich. Ohne Papiere lebte er bei franz\u00f6sischen Freunden in Marseille.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor zwei Jahren wurde Bensaid wegen Diebstahls zu 23 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt. Nachdem er seine Strafe verb\u00fc\u00dft hatte, brachten ihn Polizisten ins Centre. Legal oder illegal in Frankreich lebende Ausl\u00e4nder werden, nachdem sie ihre Strafe abgesessen haben, des Landes verwiesen und erhalten ein befristetes oder sogar ein unbefristetes Einreiseverbot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIn Algerien kenne ich nichts und niemanden\u00ab, erkl\u00e4rt Bensaid. \u00bbIch liebe Frankreich, mein Leben und meine Freunde sind hier.\u00ab Voller Zuversicht erz\u00e4hlt er, dass er seine franz\u00f6sische Freundin heiraten, seine Papiere in Ordnung bringen und ein beschauliches Leben in Frankreich f\u00fchren will. Deshalb gibt er sich in Arenc als Marokkaner aus. Er hofft, dass er nach der gesetzlichen Frist von zw\u00f6lf Tagen entlassen wird, weil ihn das marokkanische Konsulat nicht anerkennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSeine einzige Chance ist, die Freundin in seiner Heimat zu heiraten und dann mit ihr als Ehepartner einer Franz\u00f6sin zur\u00fcckzukommen\u00ab, meint dagegen Jackie Cruz von Cimade in Marseille. Diese aus der R\u00e9sistance hervorgegangene humanit\u00e4re Organisation ist seit 1984 als einzige in Arenc und anderen derartigen Zentren zugelassen und unterst\u00fctzt dort die Migranten bei der Wahrnehmung ihrer Rechte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Grund f\u00fcr eine Aussetzung der Abschiebung kann ein Formfehler der Beh\u00f6rde, das Sorgerecht f\u00fcr ein franz\u00f6sisches Kind oder der Nachweis von \u00fcber zehn Jahren (illegalen) Aufenthalt in Frankreich sein. Den Richtern und den Verwaltungsangestellten bleibt jedoch ein gro\u00dfer Ermessensspielraum. H\u00e4ufig lehnen sie Beweisst\u00fccke ab oder ignorieren eine neue Familiensituation. \u00bbDie gesch\u00fctzten Kategorien werden immer weniger respektiert\u00ab, fasst Cruz die restriktive Praxis zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihren Jahresberichten wies Cimade auch wiederholt auf die skandal\u00f6sen Lebensbedingungen im Durchgangslager hin. Schimmel \u00fcberzieht trotz frischer Farbschichten die W\u00e4nde. H\u00e4ufig beschweren sich die Insassen \u00fcber die verdreckten sanit\u00e4ren Anlagen. \u00bbEs kann passieren, dass ich Migranten zum Gespr\u00e4ch empfange und Schaben auf ihren Jacken umherirren\u00ab, berichtet Cruz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polizisten behandeln die Migranten in Arenc inzwischen \u00fcberwiegend fair. Wer den Ablauf st\u00f6rt, kommt allerdings in eine Isolationszelle und wird dort f\u00fcr mehrere Stunden nackt eingeschlossen. Angeblich, um Selbstmorden vorzubeugen. \u00bbF\u00fcr mich ist das ein offensichtlicher Fall von Misshandlung und Folter\u00ab, schimpft Cruz. Nach Protesten von Cimade sollen die H\u00e4ftlinge k\u00fcnftig ihre Kleidung behalten d\u00fcrfen. Daf\u00fcr soll eine Kamera den St\u00f6rer beobachten. Die Beh\u00f6rden sind inzwischen sehr daran interessiert, dass alle Ma\u00dfnahmen rechtlich abgesichert sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war nicht immer so. Das Abschiebegef\u00e4ngnis in Marseille gibt es seit 1964. Elf Jahre lang war seine Existenz der franz\u00f6sischen \u00d6ffentlichkeit nicht bekannt. 1975 ergaben Nachforschungen des Anwalts Sixte Ugolini, dass im Hafen Einwanderer heimlich und ohne gesetzliche Grundlage festgehalten werden. Er war informiert worden, nachdem der Marokkaner Mohamed Cherif von einem Termin bei der Marseiller Ausl\u00e4nderpolizei nicht zur\u00fcckgekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurze Zeit sp\u00e4ter wurde bekannt, dass der Algerier Said Benia nach seiner Verurteilung zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe nicht freigelassen, sondern von der Polizei in ein Geb\u00e4ude am Hafen gebracht worden war. Unter dem Druck der Medien musste der damalige Innenminister Michel Poniatowski die Existenz des \u00bbDurchgangszentrums f\u00fcr illegale oder straff\u00e4llig gewordene Einwanderer\u00ab zugeben. Trotz des Skandals arbeitete das Centre ohne rechtliche Basis weiter. Erst 1981, nach der Wahl von Fran\u00e7ois Mitterrand, wurde die g\u00e4ngige Praxis legalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benia ist seit seiner zuf\u00e4lligen Beteiligung an der Entdeckung des illegalen Gef\u00e4ngnisses acht Mal von Arenc nach Algerien abgeschoben worden. Jedes Mal kehrte er wieder in seine Geburtsstadt Marseille zur\u00fcck. Hier lebt seine Familie, deren Mitglieder franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger sind. Bis heute konnte Benia die franz\u00f6sische Nationalit\u00e4t nicht wieder erlangen, die er von 1956 bis 1962 besa\u00df. Seine instabile Lebenslage ist daf\u00fcr verantwortlich, dass er sich bereits mehrfach in station\u00e4re psychiatrische Behandlung begeben musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zum n\u00e4chsten Jahr will der Staat s\u00e4mtliche CRA an die Normen des Einwanderungsgesetzes anpassen. F\u00fcr Arenc kann das nur den Abriss bedeuten. In ihrem neuesten Bericht fordert Cimade die Schlie\u00dfung von zehn weiteren Zentren, in denen der Zustand des Geb\u00e4udes und die Lebensbedingungen kaum zul\u00e4ssig sind. F\u00fcr Herv\u00e9 Gouyer, der seit einem Jahr nicht mehr in der Organisation arbeitet, gehen diese Forderungen allerdings am Kern des Problems vorbei: \u00bbWas \u00e4ndert sich f\u00fcr die Illegalen, wenn sie in einem F\u00fcnf-Sterne-Hotel auf ihre Abschiebung warten?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">* Der Name wurde von der Redaktion ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Publiziert in: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2002\/46\/22864.html\" target=\"_blank\">Jungle World, 13. November 2002<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzte Station In einem maroden Geb\u00e4ude im Hafen von Marseille warten Einwanderer auf ihre Abschiebung. Von Oliver Ilan Schulz Das Abschiebegef\u00e4ngnis Centre Arenc befindet sich direkt am Kai des Handelshafens von Marseille. Links und rechts warten die F\u00e4hren auf die Abfahrt nach Korsika. 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