{"id":177,"date":"2008-11-15T15:30:00","date_gmt":"2008-11-15T14:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=177"},"modified":"2021-01-06T23:59:47","modified_gmt":"2021-01-06T22:59:47","slug":"carl-craig-moritz-von-oswald-recomposed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=177","title":{"rendered":"Carl Craig &#038; Moritz von Oswald: \u201cRecomposed\u201d (FAZ \u2013 Rezension)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Letzter Ausgang Bolero<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eThird stream music\u201d hie\u00df eine 1959 ver\u00f6ffentlichte Platte des Modern Jazz Quartet. Unter dieser Devise wollte der US-amerikanische Komponist Gunther Schuller Elemente aus Jazz und Klassik zu einer dritten Str\u00f6mung zusammenf\u00fchren. Steht uns nun ein \u201eforth stream\u201d bevor, in dem elektronische Musik mit etablierteren Genres verschmolzen wird? Zun\u00e4chst einmal erm\u00f6glicht es die Erfindung des Samplers nat\u00fcrlich, die Musikgeschichte als Klangbibliothek zu nutzen. Nur einige Beispiele aus der elektronischen Musik der letzten Jahre: Jan Jelinek zerschnipselte Jazz oder Krautrock und arrangierte daraus Loop basierte St\u00fccke. Der mexikanische Produzent Murcof formte Aufnahmen Neuer Musik zu stimmungsvollen Minimal-House-Tracks. Matthew Herbert wollte sein Rohmaterial selbst erzeugen, stellte eine Big Band zusammen und versuchte mit gemischtem Erfolg, ihre Musik bei Konzerten in Echtzeit zu bearbeiten. Vor zwei Jahren spielte Techno-Pionier Jeff Mills eine Auswahl seiner Kompositionen mit dem Montpellier Philharmonic Orchestra. Ein sinnloses Unterfangen, machten die gehetzten Instrumentalisten bei der Wiedergabe der Maschinenmusik doch fast zwangsl\u00e4ufig eine schlechte Figur. Beim j\u00fcngsten Fusionsprojekt \u201eRecomposed\u201d w\u00e4hlten die Produzenten Carl Craig aus Detroit und Moritz von Oswald aus Berlin also wieder den umgekehrten Weg: Ausgehend von einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan bearbeiteten sie im Auftrag der Deutschen Grammophon Gesellschaft den \u201eBolero\u201d und die \u201eRapsodie espagnole\u201d von Ravel sowie Mussorgskys \u201eBilder einer Ausstellung\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Carl Craig und Moritz von Oswald, deren Bedeutung im Bereich Techno durchaus mit der Karajans f\u00fcr die Klassik vergleichbar ist, wenden dabei den weitgefassten Remix-Begriff der elektronischen Musik an. Sie h\u00f6ren die Originalb\u00e4nder durch und filtern Lieblingsstellen aus den Kompositionen heraus. Parallel dazu entwickeln sie eigene Ideen. Schlie\u00dflich formen sie aus diesen Elementen neue St\u00fccke. Sicherlich ein selbstbewusster Umgang mit den Werken des klassischen Kanons, aber wom\u00f6glich die einzige Chance f\u00fcr einen kreativen Befreiungsschlag, um sich von den omnipr\u00e4senten Vorbildern zu l\u00f6sen. So verzichtet \u201eRecomposed\u201d auf das allzu bekannte \u201eBolero\u201d-Thema, und auch der Rhythmus des St\u00fccks wird nicht \u00fcberstrapaziert, obwohl er ob seiner repetitiven Form gern als Referenz f\u00fcr Techno herhalten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bew\u00e4ltigen Carl Craig und Moritz von Oswald nun ihre Neukomposition? Das Album ist als durchgehender Track angelegt, den ein \u201eInterlude\u201d in zwei gr\u00f6\u00dfere Abschnitte (\u201eMovements\u201d 1-4 und 5-6) unterteilt. W\u00e4hrend die getragenen Fl\u00e4chen eines \u201eIntro\u201d die Harmonien f\u00fcr den ersten Teil vorgeben, setzt behutsam das \u201eBolero\u201d-Schlagwerk ein. Aus einem Fragment der \u201eBilder einer Ausstellung\u201d wird dar\u00fcber ein mehrstimmiger, polyrhythmischer Trompeten-Kanon gebaut (\u201eMovement 2\u2033). Jetzt \u00fcberf\u00fchren die Produzenten das St\u00fcck fast unmerklich \u2013 und das ist faszinierend \u2013 in einen Clubtrack. Diskreter Exit \u201eBolero\u201d, im Untergrund treibt eine sanfte Bassdrum, klimpert ein introvertiertes Xylophon, bisweilen steigt ein gurgelndes Ger\u00e4usch auf. Ein Percussion-Pattern kommt hinzu (\u201eMovement 3\u2033). Stets changierend, von abstrakt und pr\u00e4zise zu verzerrt und bei\u00dfend, wird es \u201eRecomposed\u201d am Ende von \u201eMovement 4\u2033 zu einem ersten H\u00f6hepunkt bringen. Schon vorher haben ein Bass und ein Keyboard eingesetzt, die das wunderbar flie\u00dfend arrangierte Gef\u00fcge auch f\u00fcr einen aufgekl\u00e4rten Dancefloor tauglich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was h\u00e4tte Ravel wohl zu \u201eRecomposed\u201d gesagt? Immerhin duldete er keinerlei Abweichungen von seinen Vorgaben und w\u00fcnschte sich seine Interpreten als Sklaven. Carl Craig und Moritz von Oswald schaffen dagegen etwas Eigenst\u00e4ndiges, Neuartiges. Wenn Ravel wegen seiner Klangfarben gesch\u00e4tzt wird \u2013 hier werden die Remixer dem Komponisten gerecht und w\u00fcrdigen ihn mit dem Besten, was derzeit an Sound und Atmosph\u00e4re zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt; olian<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRecomposed\u201d by Carl Craig &amp; Moritz von Oswald,<br>Music by Maurice Ravel &amp; Modest Mussorgsky (Deutsche Grammophon \/ Universal)<\/p>\n\n\n\n<p>Publiziert in FAZ: 15. November 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Ausgang Bolero \u201eThird stream music\u201d hie\u00df eine 1959 ver\u00f6ffentlichte Platte des Modern Jazz Quartet. Unter dieser Devise wollte der US-amerikanische Komponist Gunther Schuller Elemente aus Jazz und Klassik zu einer dritten Str\u00f6mung zusammenf\u00fchren. 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