{"id":171,"date":"2002-07-04T15:20:00","date_gmt":"2002-07-04T13:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=171"},"modified":"2021-01-07T00:16:24","modified_gmt":"2021-01-06T23:16:24","slug":"portraet-matthew-herbert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=171","title":{"rendered":"Matthew Herbert (Portr\u00e4t \u2013 Berner Zeitung)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eIch mache M\u00fcll zu Musik\u201d<\/h2>\n\n\n\n<p>Zuerst wussten wir nur vom H\u00f6ren-Sagen von Matthew Herberts letztem Streich. Die CD \u201eThe Mechanics of Destruction\u201d kritisiert die Missst\u00e4nde der Globalisierung in musikalischer Form \u2013 als Profit freies Produkt ist sie nicht im Plattenladen erh\u00e4ltlich. Matthew Herbert \u00fcberreicht sie nach seinen Konzerten oder gegen Zusendung eines frankierten R\u00fcckumschlags. \u201eWir verlangen einen gewissen Input vom Publikum. Ich denke, Konsum sollte keine leichte Sache sein\u201d, kommentiert Matthew Herbert die eigenwillige Vertriebsstrategie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer \u201eThe Mechanics of Destruction\u201d schlie\u00dflich bekommt, k\u00f6nnte beim H\u00f6ren an eine Bande nerv\u00f6ser Zwerge denken, die auf einem Schrottplatz Trommel\u00fcbungen vollzieht. Doch Matthew Herbert dirigiert mit sicherer Hand. Er versieht den lautmalerischen Reigen mit seinem bew\u00e4hrten Swingen und ausget\u00fcftelten Klangspielereien. Obskures Schaben, abrupte Harmoniewechsel und alarmierende Melodien liefern aber genug Hinweise auf den ernsten Hintergrund des Werks. Wie bei allen Produktionen unter seinem Pseudonym Radio Boy verwendet Matthew Herbert ausschlie\u00dflich selbst gemachte Ger\u00e4uschaufnahmen als Ausgangsmaterial. Bei \u201eThe Mechanics of Destruction\u201d wird die Auswahl zum politischen Statement. \u201eWenn man wie ich fr\u00fcher nur seine K\u00fcchenger\u00e4te aufnimmt, hat man wohl keine anderen Sorgen. Wenn Du aber das Ger\u00e4usch von Splitterbomben aufnimmst, die jemand auf Dich wirft, dann ist die Auswahl Teil der Botschaft\u201d, erkl\u00e4rt Matthew Herbert. Die Klangquellen sind zumeist Produkte multinationaler Unternehmen, deren Gesch\u00e4ftsgebaren Matthew Herbert auf der erg\u00e4nzenden \u201eMechanics \u2026\u201d-Webseite anprangert. Die Politisierung integriert er beeindruckend in die \u201eRadio Boy\u201d-Live-Performances. W\u00e4hrend er mit einer McDonalds-Verpackung auf das Mikrophon eindrischt und diesen Sound sofort zu einer frenetischen Rhythmik formt, reckt er mit der freien Hand anklagend den Big M\u00e4c in die H\u00f6he. \u201eEs hat mir auch viel Spa\u00df gemacht, diese allm\u00e4chtigen Produkte auf eine Weise zu konsumieren, f\u00fcr die sie nicht gedacht waren\u201d, erl\u00e4utert Matthew Herbert. \u201eIch habe den Big M\u00e4c nicht gegessen. Es ist eine Reise ins Abfallland. Ich mache M\u00fcll zu Musik, das zeitlich Begrenzte zum Dauerhaften und das ewig Gleiche zum Einmaligen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein unabh\u00e4ngiger Kopf war Matthew Herbert schon immer. Er kontrolliert die Rechte seiner Produktionen. In einem pers\u00f6nlichen Kontrakt verbietet er sich die Verwendung anderer Leute Musik f\u00fcr eigene Kompositionen. Matthew Herberts freiwilliger Verzicht auf fremde Samples n\u00e4hrt die Debatte \u00fcber geistiges Eigentum und Kopierrechte in der Elektroszene. Das explizite politische Engagement entwickelte er erst in den letzten Jahren. Anerkennung und Einfluss gr\u00fcnden jedoch auf seinen sch\u00f6pferischen Leistungen. Der Theaterstudent Matthew Herbert ist dann wohl auch der erste, der sich 1995 nur mit einer raschelnden Chipst\u00fcte und einem Sampler ausgestattet vor eine Menschenmenge stellt, um sie zu unterhalten. Schon als Vierj\u00e4hriger lernt der Londoner Violine und Klavier. Als Jugendlicher spielt er in Bands und Orchestern. Sein Vater ist Toningenieur bei der BBC und f\u00f6rdert Matthews Begeisterung f\u00fcr Musiktechnologie. Mit zunehmenden Erfolg produziert er seit 1996 unter verschiedenen Pseudonymen elektronische Musik. Wishmountain und sp\u00e4ter Radio Boy stehen f\u00fcr experimentellen Techno. Als Doctor Rockit man\u00f6vriert Matthew Herbert zwischen Kaffeehausmusik und elektronisch inspiriertem Wahnsinn. Am Bekanntesten ist das House-Projekt Herbert. Hier beteiligt sich Matthew Herberts Lebensgef\u00e4hrtin Dani Siciliano als Vokalistin. Die j\u00fcngste Herbert-Ver\u00f6ffentlichung \u201eBodily Functions\u201d pr\u00e4gen Jazz-Einfl\u00fcsse und ein traditionelles Instrumentarium. Zus\u00e4tzlich komponiert Matthew Herbert f\u00fcr Film und Tanz, wie jetzt f\u00fcr die Blanca Li-Inszenierung \u201eBorderline\u201d an der Komischen Oper in Berlin. Der Name Herbert auf Remixen oder als DJ bei Clubabenden garantiert rege Nachfrage. Denn Matthew Herbert erreicht die Fachleute ebenso wie ein gr\u00f6\u00dferes Publikum. Die Kollegen und Spezialisten respektieren seine Eigenst\u00e4ndigkeit und die hohe Qualit\u00e4t seiner Arbeit. Viele andere Menschen haben dank der warmen Note in Matthew Herberts Produktionen die elektronische Musik \u00fcberhaupt erst sch\u00e4tzen gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das K\u00fcnstlerische und das Private, das Private und das \u00d6ffentliche sind bei Matthew Herbert eng verwoben. Das verleiht Matthew Herberts Musik ihre besondere Anziehungskraft. F\u00fcr die Au\u00dfenwelt f\u00fchrt das dazu, dass sie einen Menschen zu kennen meint, obwohl dieser sein Privatleben hermetisch abschottet. In seinen Arbeiten setzt er die verschiedenen Sph\u00e4ren st\u00e4ndig in Beziehung. Er reflektiert sie und versucht sie gegeneinander abzugleichen. Er will sich selbst und seinen Prinzipien treu bleiben. Ein hoher Anspruch, bei dessen Erf\u00fcllung sich Matthew Herbert bisweilen in Widerspr\u00fcche verwickelt. Ein Beispiel ist sein Verh\u00e4ltnis zu den Medien. Ist es nicht seltsam, mit Hilfe der letztlich mit dem System gewonnen Popularit\u00e4t nun gegen dieses zu k\u00e4mpfen? \u201eZu was f\u00fcr einem System geh\u00f6re ich denn?\u201d, fragt Matthew Herbert emp\u00f6rt zur\u00fcck. \u201eIch bin Teil einer tief gespaltenen Konsumgesellschaft und einer schlecht funktionierenden Demokratie. Sie gibt meine Steuern f\u00fcr Morden und Business aus anstatt f\u00fcr Bildung und Gesundheit. Ich bin nicht bekannt. Ich komponiere Musik. Wenn Leute \u00fcber mich schreiben wollen und nicht \u00fcber wichtigere Dinge, ist das ihre Entscheidung.\u201d Dennoch bieten gerade die Medien eine notwendige Trib\u00fcne f\u00fcr sein Engagement. Matthew Herbert kennt ihre Mechanismen und versteht sie zu nutzen, auch wenn er die eigene Bedeutung herunterspielt. Dabei wirkt er in der \u00d6ffentlichkeit oftmals m\u00fcrrisch und unnahbar. Dann entsteht der Eindruck, Matthew Herbert braucht die Musik als Ventil. Bei einem Konzert sammelt er die leeren Flaschen auf der B\u00fchne nicht aus Sorge um die barf\u00fcssig auftretende Dani Siciliano. Er zerschl\u00e4gt sie in einer Kiste, konzentriert und vielleicht besessen, weil er das Bersten f\u00fcr ein St\u00fcck braucht. The Mechanics of Destruction? Nein, Matthew Herberts Schaffensdrang erscheint wie ein Transformator, der ein best\u00e4ndiges unterschwelliges Hadern in Musik verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Publiziert in: Berner Zeitung, 4. Juli 2002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch mache M\u00fcll zu Musik\u201d Zuerst wussten wir nur vom H\u00f6ren-Sagen von Matthew Herberts letztem Streich. Die CD \u201eThe Mechanics of Destruction\u201d kritisiert die Missst\u00e4nde der Globalisierung in musikalischer Form \u2013 als Profit freies Produkt ist sie nicht im Plattenladen erh\u00e4ltlich. 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