{"id":167,"date":"2008-03-01T15:14:00","date_gmt":"2008-03-01T14:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=167"},"modified":"2021-01-07T00:03:44","modified_gmt":"2021-01-06T23:03:44","slug":"artikel-fuer-berner-zeitung-buchvorstellung-die-wohlgesinnten-im-berliner-ensemble","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=167","title":{"rendered":"Buchvorstellung \u201eDie Wohlgesinnten\u201d im Berliner Ensemble (Bericht \u2013 Berner Zeitung)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Smarter Typ mit wachem Geist:<br>Der franz\u00f6sische Autor Jonathan Littell im Gespr\u00e4ch<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jonathan Littell setzt sich und z\u00fcndet ein Zigarillo an. Dann muss die braune Fl\u00fcssigkeit in seinem Glas wohl Whisky sein. Er tr\u00e4gt einen dunklen Anzug, ein wei\u00dfes Hemd und verschr\u00e4nkt Arme und Beine. Auf der B\u00fchne des Berliner Ensemble wirkt er ein klein wenig angespannt, schaut nicht ins Publikum. Er konzentriert sich auf sein Gegen\u00fcber, den Politiker und Publizisten Daniel Cohn-Bendit. Das Jugendliche der allgegenw\u00e4rtigen Fotos ist da, das Schelmische fehlt \u2013 noch. Das ist also der Autor des Romans \u201eDie Wohlgesinnten\u201d, dieser 1400 Seiten starken fiktiven Erinnerungen des SS-Offiziers Max Aue, das in Deutschland viele f\u00fcr eine Monstrosit\u00e4t halten. In Frankreich ist das Buch ein Bestseller und hat die wichtigsten Preise gewonnen. F\u00fcr den deutschsprachigen Raum betr\u00e4gt die Startauflage sagenhafte 120 000 Exemplare.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jonathan Littell redet leise, er bedient sich einer jungen Sprache, sagt \u201eder Typ\u201d f\u00fcr irgendwelche Personen oder: \u201eMit den Juden hatte Hitler einen spezifischen bug.\u201d Schon nach kurzer Zeit versucht er mit Nonchalance und Humor, das Gespr\u00e4ch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig ernst werden zu lassen. \u201eSo konzeptuell arbeite ich nicht\u201d, lacht er, wenn Daniel Cohn-Bendit verstiegene Interpretationen zu seinem Buch suggeriert. Bekanntlich redet er nicht gern in der \u00d6ffentlichkeit und gibt kaum Interviews. Offenbar w\u00fcrde er gern den Gestus des Intellektuellen meiden, der sich selbst zu wichtig nimmt. Doch ganz so zahm ist er gl\u00fccklicherweise nicht, manchmal geht seine Belesenheit mit ihm durch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werden die Figuren im verzierten Theatersaal des BE zu den \u201eWohlgesinnten\u201d, Racheg\u00f6ttinnen, die den Autor des deutschen Feuilletons verfolgen wie den Erz\u00e4hler in seinem Roman? Schlie\u00dflich haben au\u00dfer der FAZ, die den Anfang des Romans vorab gedruckt hat, nur wenige Kritiker ein gutes Haar an dem Buch gelassen. Die deutsche Kritik f\u00fcrchte, vermutet der Philosoph und Faschismusforscher Klaus Theweleit, sie werde \u201eihrer schwer erarbeiteten Deutungshoheit beraubt.\u201d (In der Schweiz reagierte die Presse deutlich gelassener.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Berlin bewertet Jonathan Littell die Reaktionen gleich zu Anfang als einen Teil der deutschen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung. Schlie\u00dflich habe nicht die Generation der T\u00e4ter, sondern vor allem deren Kinder Probleme mit der NS-Vergangenheit, f\u00fcgt er sp\u00e4ter hinzu. Ein vers\u00f6hnliches Signal an die Rezensenten, oder schwingt da auch ein wenig Spott mit? Die Verwendung des Orestes-Mythos rechtfertige keineswegs die H\u00f6rigkeit der NS-Henker, so Littell. In der griechischen Trag\u00f6die spiegele sich eine Zeit des \u00dcbergangs, in der sich die Menschen allm\u00e4hlich vom Einfluss der G\u00f6tter emanzipierten. In den \u201eWohlgesinnten\u201d gehe es nicht darum, die Schuld der Deutschen klein zu reden, sondern zu zeigen, dass \u201eder Nazismus jeden betrifft\u201d und jeder ein potentieller T\u00e4ter ist. Z\u00fcgellose Gewalt kennt Jonathan Littell aus seiner humanit\u00e4ren Arbeit, und er nennt drastische Beispiele, wie in der \u201eanderen Zeitrechnung des Krieges\u201d gerade auch die Helfer aus der Rolle fallen. Historiker, meint der Autor mit Blick auf die Pornographiekritik an seinem Buch, ignorierten h\u00e4ufig den Einfluss der Triebe, weil sie sich nicht immer so eindeutig nachweisen lie\u00dfen wie in Abu Ghuraib. \u201eIch sage nicht, dass alle einen St\u00e4nder haben, wenn sie t\u00f6ten, aber so was existiert\u201d, unterstreicht Littell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch solche blumigen oder provokanten \u00c4u\u00dferungen sind an diesem Leseabend eher selten. Littell scheint nicht daran gelegen (und hat es auch nicht n\u00f6tig), die ohnehin hitzige Debatte zus\u00e4tzlich anzufachen. Vielleicht will er die Deutschen nicht \u00fcberfordern. Die gro\u00dfe Konfrontation f\u00e4llt aus: Daniel Cohn-Bendit gibt sich milde und Fragen aus dem Publikum sind wohlweislich gar nicht erst vorgesehen. Als sich Littell am Schluss fl\u00fcchtig verbeugt und dem applaudierenden Publikum \u2013 endlich! \u2013 einen scheuen Blick zuwirft, ist das R\u00e4tsel Littell unangetastet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Publiziert in: Berner Zeitung, 1. M\u00e4rz 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Smarter Typ mit wachem Geist:Der franz\u00f6sische Autor Jonathan Littell im Gespr\u00e4ch Jonathan Littell setzt sich und z\u00fcndet ein Zigarillo an. Dann muss die braune Fl\u00fcssigkeit in seinem Glas wohl Whisky sein. Er tr\u00e4gt einen dunklen Anzug, ein wei\u00dfes Hemd und verschr\u00e4nkt Arme und Beine. 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