{"id":16,"date":"2012-09-12T21:18:00","date_gmt":"2012-09-12T19:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=16"},"modified":"2021-01-06T23:49:04","modified_gmt":"2021-01-06T22:49:04","slug":"andromeda-mega-express-orchestra-bum-bum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=16","title":{"rendered":"Andromeda Mega Express Orchestra: \u201eBum Bum\u201c (FAZ \u2013 Rezension)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Genresprengendes Faszinosum<\/h3>\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden zu Ihrem Lieblingsthema \u2013 warum nicht Musik? \u2013 durchs Netz surfen. S\u00e4mtliche Downloadseiten (ob legal oder illegal) und Klangbibliotheken st\u00fcnden Ihnen offen. Sie w\u00fcrden sich von Lust und Laune, manchmal aber auch vom Zufall leiten lassen. Sch\u00f6n. Sie k\u00f6nnten Ihr Schicksal aber auch in die H\u00e4nde eines Kurators legen, einem mit allen Stilen und Wassern gewaschenen zeitgen\u00f6ssischen Komponisten und Arrangeur. Der genau wei\u00df, was er tut und Ihnen alles zeigen will, aber leider nur eine CD-L\u00e4nge Zeit hat. Mit Gl\u00fcck w\u00e4re das dann Daniel Glatzel vom Andromeda Mega Express Orchestra.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Orchester ist eine 18-k\u00f6pfige Band, es vereint erstklassige Instrumentalisten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Neue Musik und Rock, Klassik und Improvisation und nat\u00fcrlich Jazz, viele davon mit Konservatoriumshintergrund. In ihrer Spezialisierung haben sie sich \u2013 getragen von Neugierde, Spa\u00df am Musizieren und Freundschaft \u2013 die Offenheit f\u00fcr ein gemeinsames, forschendes Projekt bewahrt. Vor drei Jahren erschien mit \u201eTake Off!\u201c das Deb\u00fctalbum dieses konstruktiven Mit- und Gegeneinanders. Es war eine berauschende Ohrenreise, so vielf\u00e4ltig wie die musikalischen Traditionen ihrer Teilnehmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hat sich das Ensemble zu seinem n\u00e4chsten Trip \u201eBum Bum\u201c zusammengefunden. Diesmal fahren wir selbst nicht mit, sondern bekommen das Fotoalbum oder vielmehr das Video der Reise zu sehen. Denn wie bei Pop- oder Technoplatten \u00fcblich, wollte der Komponist und musikalische Kopf Daniel Glatzel die gesamte Palette der Postproduktion nutzen \u2013 deren Ergebnis letztlich eine Montage ist. Das Orchester wurde also in seine Einzelteile zerlegt, bearbeitet und neu zusammengef\u00fcgt, um m\u00f6glichst zus\u00e4tzliche Erz\u00e4hlebenen zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Opener \u201eSaturn Hoola Hoop\u201c bietet einen durchaus orchestralen Einstieg: Eine fr\u00fchlingshafte Fl\u00f6tenphrase, sph\u00e4risch-diffuses Flimmern (wieder Ziehfl\u00f6ten?), ein tiefes Brausen im Untergrund. \u00dcber ein kurzes, deutlich digitales Brutzeln geht es hinein in den Hauptteil des St\u00fccks, purer Hip-Hop, zumindest rhythmisch gesehen. Denn die Fl\u00f6ten untermalen hier die schwere Bassdrum, der Streichersatz st\u00fctzt die erl\u00f6sende Snare. Bald gr\u00e4tschen noch ged\u00e4mpfte Trompeten in die Synkopen. Der Beat ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n schleppend <em>humanized<\/em>, das alles ist eine Spur ironisch, klingt aber fett und kommt dynamisch, <em>state of the art<\/em>. Am Ende stoppt das St\u00fcck wie an einer Schwelle, w\u00e4hrend seine Bestandteile einzeln treppab kullern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich dann in den folgenden sechs Kompositionen abspielt, entzieht sich fast jeder nachvollziehbaren Beschreibung \u2013 oder w\u00fcrde zumindest eine Menge Seiten f\u00fcllen. Das Problem: Der rote Faden, der beim H\u00f6ren der facettenreichen Eindr\u00fccke von \u201eBum Bum\u201c gesponnen wird, ist reichlich komplex und w\u00e4re selbst durch die Verlaufsliste des Kuratorenbrowsers nur ungen\u00fcgend wiedergegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Treten wir also lieber einen Schritt zur\u00fcck und betrachten die angewendeten Mittel. Zu den einfacheren z\u00e4hlt noch die \u2013 an elektronische Musik erinnernde \u2013 Verwendung von Loops (\u201eLe Pr\u00eatre Vir\u00e9\u201c). Werden die verstimmten Akkorde einer Harfe zu einem St\u00fcck gef\u00fcgt, ger\u00e4t das Puzzle zur kunstvollen Kollage (\u201eanebulamanifesto\u201c). Dar\u00fcber hinaus erm\u00f6glicht der virtuelle Schneidetisch die Konfrontation kontr\u00e4rer Soundschnipsel: Reduktion trifft auf \u00dcberf\u00fclle, das Volumen einer Kirche steht im Gegensatz zu dem einer kleinen Kammer. Subtil ist die Nutzung von Filtern, um Fenster zu anderen Epochen zu \u00f6ffnen. So spielt \u201eHektra Mumma Gulla\u201c offensiv mit den charakteristischen Frequenzen von Schellack, Kassette und Vinyl. Bei \u201eRainbow Warrior\u201c, einem Rodeo durch verschiedene Stile popul\u00e4rer Musik, regen die zeitspezifisch eingef\u00e4rbten Stimmen gar noch zu einer Reflexion \u00fcber Meinungsmache an.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eBum Bum\u201c gelingt dem Andromeda Mega Express Orchestra wieder ein genresprengendes Faszinosum. Und das, obwohl Daniel Glatzel nach \u201eTake Off!\u201c ein g\u00e4nzlich anderes Konzept gewagt hat, \u00fcbrigens durchaus in Erweiterung und Vertiefung anderer elektronisch bearbeiteter Orchesterproduktionen wie etwa Matthew Herberts Big-Band-Alben. Die beiden langen St\u00fccke, das lose, experimentelle \u201eHektra\u2026\u201c und das narrative, bisweilen willentlich grelle \u201eSpace Purolator\u201c verlangen etwas Geduld, und nicht jeder wird sie bis in die letzte Ver\u00e4stelung mitgehen wollen. Der mitrei\u00dfenden Wirkung vieler anderer St\u00fccke werden sich aber auch aufgeschlossene Pop-H\u00f6rer nicht entziehen k\u00f6nnen. Wann kommt \u2013 und vor allem: wohin f\u00fchrt wohl \u2013 das dritte Bum?<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;&gt; olian<\/p>\n\n\n\n<p>Publiziert in: FAZ, 12. Mai 2012<\/p>\n\n\n\n<p>Information:<br>Andromeda Mega Express Orchestra: \u201eBum Bum\u201c (Alien Transistor\/Indigo), V\u00d6 11\/5\/2012<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden zu Ihrem Lieblingsthema \u2013 warum nicht Musik? \u2013 durchs Netz surfen. S\u00e4mtliche Downloadseiten (ob legal oder illegal) und Klangbibliotheken st\u00fcnden Ihnen offen. Sie w\u00fcrden sich von Lust und Laune, manchmal aber auch vom Zufall leiten lassen. Sch\u00f6n. Sie k\u00f6nnten Ihr Schicksal aber auch in die H\u00e4nde eines Kurators legen, einem mit allen Stilen und Wassern gewaschenen zeitgen\u00f6ssischen Komponisten und Arrangeur. Der genau wei\u00df, was er tut und Ihnen alles zeigen will, aber leider nur eine CD-L\u00e4nge Zeit hat. 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