{"id":153,"date":"2011-11-05T12:33:00","date_gmt":"2011-11-05T11:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=153"},"modified":"2021-01-06T23:50:33","modified_gmt":"2021-01-06T22:50:33","slug":"artikel-fuer-faz-rezension-a-schwanhaeusser-kosmonauten-des-underground","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=153","title":{"rendered":"A. Schwanh\u00e4u\u00dfer \u201eKosmonauten des Underground\u201d (FAZ \u2013 Buchbesprechung)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Druffis? Nein danke!<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Fach Ethnologie l\u00e4sst an weit entfernte Zivilisationen und fremde V\u00f6lker denken. Die Autorin Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer hat ihr Studienobjekt dagegen in der deutschen Hauptstadt gefunden. Es geht um eine Personengruppe, die in und um Berlin Tanzveranstaltungen mit \u00fcberwiegend elektronischer Musik organisiert und sich daf\u00fcr tempor\u00e4re locations zu Eigen macht \u2013 diese Menschen erproben ein neues Lebensgef\u00fchl. In der auf etwa 300 bis 3000 Leuten gesch\u00e4tzten Gemeinschaft hat die Autorin eine zw\u00f6lfmonatige Feldforschung durchgef\u00fchrt und diese zu ihrer \u201eEthnografie einer Berliner Szene\u201d verarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was darf der Leser von einer solchen Bestandsaufnahme erwarten? Zun\u00e4chst eine wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Beschreibung dieser Szene, die sich m\u00f6glichst nicht nur auf Fakten und Verhaltensweisen beschr\u00e4nkt, sondern dar\u00fcber hinaus \u00fcber die Mentalit\u00e4ten der Akteure aufkl\u00e4rt. Die Stadtethnologin Schwanh\u00e4u\u00dfer schafft f\u00fcr ihre Untersuchung einen theoretischen Rahmen, der hier nur kurz angedeutet werden soll. F\u00fcr die Akteure der \u201eSzene\u201d (ein offenerer Begriff als Subkultur) operiert sie mit dem Konzept des neuen Kleinb\u00fcrgertums nach Pierre Bourdieu. Ihre zentrale Analysekategorie ist der Raum: Er verliert seine fr\u00fcheren Funktionalit\u00e4ten, wird zur location verwandelt und auf atmosph\u00e4rische Qualit\u00e4ten (Gernot B\u00f6hme) hin f\u00fcr events inszeniert \u2013 diese Tendenz beginnt bei einer gem\u00fctlichen illegalen Lounge in einem leerstehenden Ladenlokal und endet bei knallhartem Stadtmarketing, siehe Love Parade Duisburg. Um die Bedeutung der Partys zu erfassen, verwendet die Autorin die von den Situationisten und Henri Lef\u00e8bvre skizzierte Theorie der Momente.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon die Benennung der untersuchten Gruppe ist aufschlussreich. Die Akteure selbst f\u00fchlen sich kurz und knapp \u201eder Szene\u201d zugeh\u00f6rig. Sie bleiben dabei gerne unspezifisch, weil es zu ihren Idealen geh\u00f6rt, m\u00f6glichst offen zu sein und Leute zusammenzubringen. Nur wenn man sich explizit abgrenzen will, wird der anderen Szene ein Pr\u00e4fix verpasst, z. B. Rockszene. Die Autorin hat sich daher f\u00fcr ihre Gruppe zu dem Behelf \u201eTechno-Underground\u201d durchgerungen \u2013 ein Begriff, der den subkulturellen Hintergrund ber\u00fccksichtigen soll. Dessen Wurzeln sieht sie in der Hausbesetzer- bzw. Wagenburgszene, der Hippiekultur sowie in der Prenzlauer-Berg-Boh\u00e8me der 80er Jahre. Allerdings sei diese Szene weitgehend undogmatisch und schon jeder Ansatz von Ideologie \u201epostmodern gebrochen\u201d. Eine Reihe lebendiger Kurzportr\u00e4ts hilft, die Akteure und ihre Hintergr\u00fcnde greifbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die intensive Besch\u00e4ftigung mit dieser Gemeinschaft relativiert einige der g\u00e4ngigen Klischees \u00fcber die Partyszene, so zum Beispiel die Vorstellung von hemmungslosem Drogenkonsum. Sicherlich werde auf den Veranstaltungen flei\u00dfig gekifft. Exzessiven und h\u00e4rteren Drogenkonsum lehnen die Beteiligten aber zumeist ab, \u201eweil die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das gesellige Miteinander verloren geht, das ja den Kern der Szeneexistenz ausmacht\u201d. Kurz gesagt: \u201eDruffis\u201d, nein danke. Auch eventuelle Sex-Phantasien werden ins Reich der Mythen verwiesen. \u201eDas unverbindliche \u201aKuscheln\u2019 (\u2026) ist eine Form der Zuneigungsbekundung, die im Gegensatz zur Sexualit\u00e4t \u00f6ffentlich praktiziert wird, (\u2026) typischerweise in den Morgenstunden, wenn die Festgesellschaft sich m\u00fcde in die Sofas sinken l\u00e4sst.\u201d Vom Sodom und Gomorrha, das mancher Boulevard-Journalist oder Moralapostel auf ausnahmslos jeder Technoparty vermutet, sind wir hier weit entfernt. Einen weiteren Trend hat Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer erkannt und setzt sich ausf\u00fchrlich damit auseinander: Der Techno-Underground erobert auch das Berliner Umland f\u00fcr sich. Die Natur wird aber nicht wie zu Hippie-Zeiten idealisiert, sondern mit M\u00f6beln, Dekoration und Technik in Szene gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autorin gelingt es sehr gut, eine Vielzahl von Ph\u00e4nomenen treffend zu beschreiben, zum Beispiel das Verh\u00e4ltnis der Akteure zum Raum und die daraus resultierende \u201eKultur der Verfl\u00fcssigung\u201d. Auch \u00f6konomische Aspekte werden ber\u00fccksichtigt: Der Techno-Underground tr\u00e4gt mit seinem kreativen Potential entscheidend zum \u201eneuen Berlin\u201d bei, liefert damit aber zugleich den Rohstoff f\u00fcr die Festivalisierung der Stadt. Nur wenige Akteure profitieren davon \u2013 wie zum Beispiel der ausf\u00fchrlich portr\u00e4tierte Veranstalter des Fusion-Festivals -, viele leben in sehr unsicheren Verh\u00e4ltnissen und leiden langfristig darunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Geld ist folglich nicht die Triebfeder der Szene \u2013 was ist es dann? Darauf h\u00e4tte man sich eine etwas deutlichere Antwort gew\u00fcnscht. In diesem Zusammenhang f\u00e4llt auf, dass ein m\u00f6glicher L\u00f6sungsansatz stiefm\u00fctterlich behandelt wird: die kulturellen Inhalte der Veranstaltungen, insbesondere die Musik. Sie wird \u00fcberwiegend als rein funktionales Ph\u00e4nomen dargestellt, das \u201edem Augenblick eine klangliche T\u00f6nung\u201d gebe, ihn \u201elediglich \u00e4sthetisch untermalt\u201d. Der Techno-Underground besteht aber zu einem gewichtigen Teil aus Musikern, DJs, Veranstaltern \u2013 daher r\u00fchrt das attestierte kreative Potenzial \u2013 sowie einem erh\u00f6hten Anteil kritischer H\u00f6rer. F\u00fcr sie hat Entdeckungslust, Weiterentwicklung und F\u00f6rderung von Musik nicht nur eine \u201ezentrale Bedeutungsdimension\u201d (Schwanh\u00e4u\u00dfer), sondern ist Impuls und Motivation f\u00fcr die Aneignung von locations. Warum sollte man einen Raum besetzen, wenn man kein Programm zu bieten hat? Diese ungl\u00fcckliche Gewichtung von Raum und Inhalt f\u00fchrt zu einer Reihe von Fehleinsch\u00e4tzungen. So sind auch K\u00fcnstler und Musiker vielfach Respektspersonen in der Szene, und nicht nur Leute aus dem Besetzer- oder Hippieumfeld, wie die Autorin angibt. Verwunderlich ist au\u00dferdem, dass die Autorin als Territorium der Berliner Szene Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg nennt, aber den Bezirk Mitte nicht erw\u00e4hnt, obwohl dieser in Vergangenheit und Gegenwart auf eine Vielzahl tempor\u00e4rer Orte verweisen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anmerkungen sollen den grunds\u00e4tzlichen Verdienst von Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer nicht schm\u00e4lern. Umfassend und pr\u00e4zise berichtet sie \u00fcber die Tatsachen sowie Mentalit\u00e4ten und Lebensbedingungen der Szeneakteure und schildert sie differenziert. Sie kl\u00e4rt auf, stellt neue Bez\u00fcge her. Und auch die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung bew\u00e4ltigt sie: \u00fcber eine im weitesten Sinne subkulturelle Szene objektiv und nicht peinlich zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Info: Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer: \u201eKosmonauten des Underground\u201d (Campus Verlag, 2010)<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht gek\u00fcrzt publiziert in: FAZ, 11. November 2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Druffis? Nein danke! Das Fach Ethnologie l\u00e4sst an weit entfernte Zivilisationen und fremde V\u00f6lker denken. Die Autorin Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer hat ihr Studienobjekt dagegen in der deutschen Hauptstadt gefunden. 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