{"id":151,"date":"2011-09-05T12:29:00","date_gmt":"2011-09-05T10:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=151"},"modified":"2021-01-06T23:51:39","modified_gmt":"2021-01-06T22:51:39","slug":"paul-kalkbrenner-icke-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oliver-ilan-schulz.de\/?p=151","title":{"rendered":"Paul Kalkbrenner: \u201eIcke Wieder\u201c  (FAZ \u2013 Rezension)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ab nach Lampedusa!<\/h3>\n\n\n\n<p>Paul Kalkbrenner bedient die visuelle Seite des Techno \u2013 und es ist nicht zu seinem Schaden. Mit der Fiktion \u201eBerlin Calling\u201c hat Techno 2008 die gro\u00dfe Leinwand erreicht. Paul Kalkbrenner spielt den drogengesch\u00fcttelten Produzenten \u201eIckarus\u201c und liefert den Soundtrack. Die 2010 nachgeschobene \u201eLive Documentary\u201c ist wohl eher ein recht gn\u00e4diges K\u00fcnstlerportr\u00e4t und zeigt, wie sehr der Kinofilm seine Karriere nochmals angeschoben hat. Gigantische Festivals, Megaclubs, Arenen feiern seine emotionalen Hymnen und \u201ePaule\u201c ist eine Techno-Celebrity. In der Ethnologie hei\u00dft es, wenn eine Tradition auszusterben drohe, werde sie folklorisiert. Vielleicht gilt das auch, wenn sich eine ehemals avantgardistische Musik im Massengeschmack aufl\u00f6st. Die Filme haben dazu ihren Beitrag geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant nun sich zu erinnern, dass Paul Kalkbrenners Produktionen schon immer wie Film-Scores klangen. Auf seinem Deb\u00fct \u201eSuperimpose\u201c (2000) arbeitet noch dumpfes, bedrohliches Ger\u00f6ll gegen die vers\u00f6hnlichen Harmonien. Das h\u00f6renswerte Album \u201eSelf\u201c (2004) gibt sich bereits wie der Soundtrack zu einem noch nicht gedrehten Streifen. Weiche, weite und oftmals dramatische Fl\u00e4chen \u00f6ffnen viel Raum f\u00fcr erg\u00e4nzende Fantasien, sogar ein Akkordeon wird bem\u00fcht. Manche Tracks sind aufreizend langsam, andere treiben Beats durch die wattierten Atmosph\u00e4ren, hie und da noch Momente der Spannung, aber alles ist gekonnt und gef\u00e4llig arrangiert. Der K\u00fcnstler hat seinen Stil gefunden und den Prototyp des Kalkbrennerschen Sehnsuchts-Techno geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem \u201eBerlin Calling\u201c-Soundtrack folgt dann endlich die Musik zu einem Film und das passt wie zu erwarten hervorragend. \u201eSky and Sand\u201c mit dem Gesang von Kalkbrenners Bruder Fritz avancierte zum Hit. Der Text appelliert an die essentiellen, einfachen Dinge des Lebens \u2013 Liebe, Treue, Tr\u00e4ume, Scheitern \u2013, nicht weit entfernt von traditionellen Country-Lyrics (eine andere moderne Folklore). Damit kommt er auch bei der deutschen Truppe in Kunduz an, die Paul Kalkbrenner Anfang des Jahres for free bespielte: Tja. Kurze Haare trug er schon immer. Anderweitig wirbt das Goethe-Institut (Happy Birthday!) im Ausland mit Techno from Germany, aber was wohl passiert w\u00e4re, wenn ein Afghane dem Konzert \u201eeines der angesagtesten deutschen K\u00fcnstler f\u00fcr deutsche Soldaten\u201c (Zitat aus dem Bundeswehr-Video vom \u201eEinsatz Kamera Trupp\u201c) h\u00e4tte beiwohnen wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein jetzt erschienenes Album \u201eIcke wieder\u201c hat Paul Kalkbrenner bereits vorab ohne Gesang angek\u00fcndigt. Schade eigentlich, denn eigentlich sind viele St\u00fccke mit drei oder vier Akkorden konstruierte Techno-Pop-Songs. Die ersten (\u201eB\u00f6xig Leise\u201c, \u201eGutes Nitzwerk\u201c) funktionieren nach dem Prinzip von Kalkbrenners melancholischer Euphorie: Feuerzeugschwenker-Harmonien und ein klagendes Motiv versus gem\u00e4\u00dfigten, geraden Beat plus ein funkiges und einpr\u00e4gsames Gitarrenlick. Bis auf einen schr\u00e4gen Griff in die Saiten bei \u201eJestr\u00fcpp\u201c ist das sch\u00f6n glatt, es zielt direkt aufs Herz und wird treffen. Danach scheint ein wenig die Luft drau\u00dfen. \u201eSchnakeln\u201c und \u201eSagte Der B\u00e4r\u201c sind zwei solide, aber recht gew\u00f6hnlich gestrickte Techno-Tracks. Andere St\u00fccke fallen noch weiter ab, wie etwa \u201eDes Stabes Reuse\u201c mit seinem verdrucksten Keyboard \u00fcber den We-Will-Rock-You-Drums.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gut, dass \u201edie Musik von \u00fcbermorgen\u201c nicht auf dem Album zu finden sei, hatte Paul Kalkbrenner ebenfalls schon vorausgeschickt. Tats\u00e4chlich setzt er auf bew\u00e4hrt Anheimelndes, worauf viele sich einlassen k\u00f6nnen und wollen. \u201eAlles wie immer\u201c, meint der K\u00fcnstler: Abgesehen vom Wiedererkennungswert erweist sich dieser Wohlf\u00fchl-Techno leider als wenig nachhaltig. Warum nicht \u00f6fter mal was Neues? Wie w\u00e4r\u2019s mit: Paul Kalkbrenner l\u00e4sst sich die Haare wachsen und gibt ein Freikonzert in einem Fl\u00fcchtlingslager auf Lampedusa, und das v\u00f6llig straight edge. Da l\u00e4sst sich auch ein Film draus machen.<\/p>\n\n\n\n<p>&gt;&gt;&gt; olian<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Kalkbrenner: \u201eIcke Wieder\u201c (Paul Kalkbrenner Musik \/ Rough Trade)<\/p>\n\n\n\n<p>Publiziert in: FAZ, 17. September 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab nach Lampedusa! Paul Kalkbrenner bedient die visuelle Seite des Techno \u2013 und es ist nicht zu seinem Schaden. Mit der Fiktion \u201eBerlin Calling\u201c hat Techno 2008 die gro\u00dfe Leinwand erreicht. 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