Chaim: „Alive”

Federleicht hüpfend bis entschlossen anschmiegend

Chaim Avital, dieser Name kursiert noch nicht allzu lange in der elektronischen Musik. Wer ist der dunkelhaarige junge Mann aus Tel Aviv, vor welchem Hintergrund ist sein Debüt „Alive” zu sehen? Wie in einigen europäischen Metropolen erlebte die Techno-Szene der israelischen Party-Hauptstadt um das Jahr 2000 einen kreativen (und festiven) Höhepunkt – das Erweckungserlebnis des damals noch nicht einmal 20-Jährigen Chaim.

Er heuert bei einem Label als PR-Mitarbeiter an und badet daraufhin in unterschiedlichsten Musikstilen. 2001 ging diese paradiesische Zeit zu Ende. Der globale 9/11-Schock, die zweite Intifada in Israel und ganz banale Anwohnerbeschwerden in Tel Aviv dämpften die Euphorie der Strandpartys. Chaim ging nach New York und entdeckte seine Vorliebe für House. Nach seiner Rückkehr 2002 war er jahrelang DJ, bevor er 2007 als Autodidakt mit dem Produzieren begann.

Schwer zu sagen, was uns gleich in den Bann zieht bei „Rain”, dem Opener des Albums: Es könnte das sanfte Xylophon-Motiv sein, das wie von einer Südseeinsel herüberweht, oder der gemütliche, geerdete House-Beat. Vielleicht ist es aber auch das ebenso rhythmisch wie atmosphärisch ergreifend eingesetzte Vokalschnipsel, oder die sanft changierende Keyboardfläche, die im weiteren Verlauf immer verstörender strauchelt.

Schnell wird klar, dass Chaim ein besonderes Talent für Stimmen und Melodien hat, sei es in „U & Eye” mit der israelischen Interpretin Meital de Razon, oder bei „Wish” mit dem Wahlberliner Snax. Melancholisch-süße Hooklines und hypnotische Wiederholungen erwecken sogleich Sehnsüchte, lassen die Gedanken abschweifen. Ganz weich sind wir in tiefsten House-Gefilden gelandet, und traumwandlerisch sicher hantiert Chaim mit den klassischen Mitteln des Genres: Tasteninstrumente von federleicht hüpfend bis entschlossen anschmiegend hier, ein wenig tribale Bongos da, verhallte Handclaps und aufzischelnde HiHat.

Nach einer sehr starken ersten Hälfte plätschert manch ein Track etwas uninspiriert dahin („Runaway Frequencies”, „Naturalness”). Die warme Klangfärbung bleibt bestehen, nur fehlt die zündende Idee, das Stück zum Strahlen zu bringen. Aber letztlich bahnt sich die wuchtige Old-School-Hymne „Don’t Shout” den Weg zur Tanzfläche, und „Popsky” überzeugt mit einem polyrhythmischen Motiv, das an den Detroiter Techno-Pionier Robert Hood gemahnt.

Wegen der Nonchalance von Chaims genügsamen, luftigen Arrangements ist „Alive” als Album sehr gelungen. Das untrügliche Gespür für natürlich fließende Abläufe korrespondiert mit einer Abneigung gegen Effekthascherei in der Produktion und der Handhabung der Sounds. So werden die Tracks nicht in eine Richtung gezwungen – man könnte fast von „innerer Führung” sprechen. Chaim präsentiert also kein bahnbrechendes, aber ein viel versprechendes Album, bei dem eine Leichtigkeit und Emotionalität mitschwingt, die sich viele andere nur wünschen können.

>>> olian

Chaim: „Alive” (Bpitch Control/Rough Trade, Fine Tunes)

Publiziert in: FAZ, 19. März 2011

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