Sutekh: „On Bach“

Ein ägyptischer Gott

Irgendwie scheint es, als hätte die populäre Musik eine Schwäche für Johann Sebastian Bach. Schon seit unserer Kindheit hören wir „In my Life” von den Beatles, für das deren Produzent George Martin ein Bach-beeinflusstes Solo einspielte, während John Lennon beim Essen war – der fand es toll und ließ es im Stück. Ein paar Jahre später hätte sich Wendy Carlos ebenso gut einen anderen klassischen Komponisten aussuchen können, um dessen Stücke mit dem damals noch weitgehend unbekannten Moog-Synthesizer zu vertonen. Und wer heute auf die Straße geht, sieht auf einem Plakat „From Bach to Brubeck” stehen, wobei ersterer wahrscheinlich darüber hinwegtrösten soll, dass auch letzterer bei dem Konzert gar nicht dabei ist. Insgesamt also wenig verwunderlich, wenn ein Produzent elektronischer Musik sein Album „On Bach” nennt.

Dieser Musiker kommt aus Kalifornien, heißt Seth Horvitz, Künstlername Sutekh. In seiner Interpretation ist der altägyptische Gott eine Art Satansfigur. Denn nach eigenem Bekunden entwickelte er schon früh eine Neigung „zur extremen Seite eines jeden Musikgenres”. Der Jazz musste richtig free sein, die zeitgenössische Musik avantgardistisch und der Rock aufreibend noisy. Im Fegefeuer von DJ Sutekhs frühen Radio-und Clubsets dürfte manchem kalifornischen Surfer die Welle unterm Brett verdampft sein. In Europa kennen wir Sutekh seit Beginn seiner Produktionstätigkeit 1998. Hier steht der Name für eine enorme Vielseitigkeit. Sutekh heißt reduziert-grooviger Klick oder Krachkollage, intimes Ruttle & Hum oder feuchtfröhlicher Funk. In verschiedenen Proportionen gemischt, arrangiert und manchmal konfrontiert.

Für sein aktuelles Album versucht sich Sutekh nicht an Neuinterpretationen à la „Switched-on Bach”. Er manipuliert Midi-Material von Bach-Aufnahmen und Orgelpfeifen oder ließ sich von Methoden und Anekdoten inspirieren. Auf dem so entstandenen Album lassen sich grob unterteilt zwei Arten von Stücken ausmachen. Zunächst solche, die Sutekh selbst einmal als „Texturen” bezeichnet hat, und wie sie auf seinen listening-orientierten Alben (zuletzt: „Fell”) zu finden sind. Für „On Bach” wäre hier der Aufmacher „Let There Be Night” beispielhaft, dessen etwas unheimliche Stimmung am treffendsten mit einem Gang durch ein elektronisches Geisterhaus beschrieben werden kann – auf- und abflauende Luftströmungen, Klappern und Klirren von allerlei Gebein, das Wummern des eigenen Herzschlags. Geradezu exemplarisch für die „Texturen” ist allerdings „The Last Hour”, eine über siebenminütige Bearbeitung schwerer Orgelakkorde.

Die andere Art von Stücken könnten wir im allerweitesten Sinne als Techno bezeichnen, wenn sich das Wirken von Sutekh nur auf so einfache Begriffe reduzieren ließe. In „The Glorious Day Has Dawned” scheint sich die Melodie in einer Art Wettstreit zu entwickeln. Zunächst hören wir eine grelle, sich stetig wiederholende und wie hektisch gemorste Note. Ihr Gegenpart scheint zunächst nur einzelne Tupfer platzieren zu können, die dafür unterschiedliche Tonhöhen haben. Während sich diese Fehde tatsächlich zu klassisch anmutenden Motiven kristallisiert, wird der Schauplatz anscheinend auf einen Karnevalszug in Rio verlegt: Trommeln und Kuhglocken mit Latino-Rhythmen setzen ein, doch die Sounds sind einigermaßen billig, als wäre eben die Mobilität tragbarer Instrumente wichtiger als ihr eigentlicher Klang. Es folgen schneidende Zischgeräusche, die die Streithähne zu ihrem Höhepunkt peitschen, ehe sie von versöhnlicheren Kadenzen und einem sanften, ordnenden Beat zur Räson gebracht werden. Ein beeindruckendes Ringen, dessen musikalische Umsetzung erstaunlich eingängig ist.

Mit „On Bach” hat sich Sutekh viel vorgenommen und braucht sich mit dem Ergebnis nicht zu verstecken. Das dürfte mit diesem Album auch schwer fallen, denn wo es läuft wird es Aufmerksamkeit erregen – Sutekhs Musik eignet sich selten zum Nebenbei-Hören. Wer sich aber Zeit nimmt, dieser ägyptischen Gottheit zu huldigen, wird allemal sein Manna bekommen.

>> olian

Sutekh: „On Bach” (Creaked/Cargo)

Publiziert in: FAZ, 19. Februar 2011

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