Gold Panda: „Lucky Shiner“

Goldbär, mach uns froh!

Der Mann mit dem bärigen Namen kommt aus England, Grafschaft Essex. Zum Glück kann er seit kurzem vom Musikmachen leben, denn angeblich musste er schon mal in einem Sexshop arbeiten, um die Miete zu bezahlen. Was seiner Familienanbindung keinen Abbruch tat: Sein erstes Album „Lucky Shiner“ ist nach seiner Großmutter benannt, aufgenommen wurde es im Landhaus von Onkel und Tante. Ein sweet home für den goldenen Wurf des Panda?

Der Aufmacher „You“ empfängt uns mit der verhaltenen Melancholie, die über die gesamte Länge dieses Debüts mitschwingt. Ein variierendes Stimmsample, ein knuffig rollendes Schlagzeug und ein Mini-Break mit dem Klang einer Registrierkasse, die sich in ein Glockenspiel verliebt hat – die emotionalen Fangschlaufen sind ausgelegt. Im zweiten Stück „Vanilla Minus“ Szenenwechsel, hier zeigt der Bär, dass er auch im Club steppen kann, geradlinige Produktion und Melodiöses sind geschickt vermählt. Und zum Dritten „Parents“, in dem Gold Panda locker hingeworfenes Gitarrengestöpsel mit Fieldrecordings untermalt. Dieser Einsteig zeigt: Da will sich jemand alle Optionen offen halten. Noch dazu ist er aber in der Lage, die Anleihen aus so einem Stilpanorama gekonnt in einem Stück zu verschmelzen. „Snow & Taxis“ beginnt mit einem House-Piano, leiht sich die Bassdrum von Techno und die Snare von Ragga, ist gesampelt wie Hip-Hop, und ohne Weiteres ließen sich in Stimmschnipsel und Geklingel, die das Stück abrunden, Popanspielungen der 60er bis 80er ausmachen. Viel mehr Elemente braucht Gold Panda im Übrigen nicht – will sagen, es gelingt ihm, durch geschickte Arrangements mit einem geradezu ökonomischen Einsatz von Mitteln eine hohe Dichte zu erzeugen. Vielleicht ist das sein Geheimnis, wie er diese große Bandbreite vereinen kann. Vorwerfen kann man ihm diese Heterogenität jedenfalls nicht, so lange sie so schöne Ergebnisse zeitigt.

Häufig scheint es, als hätte Gold Panda zu Beginn seines Songs ein kurzes Motiv auf die Wiederholungstaste seines Samplers gelegt und versuche zu morsen, egal ob es jeweils schon ausgeklungen ist oder nicht („Before We Talked“). Die bewusste (und heutzutage möglicherweise am Computer simulierte) Überforderung der Maschine wird Teil des Spiels, die Kunst ist dann, wie diese sich wiederholende, zuweilen stolpernde Sequenz in ein größeres Ganzes integriert wird. Gold Panda beherrscht die Kniffe, zunächst markig vorgeschobene Ecken und Kanten geschickt einzubetten. Flächen umhüllen sie, und intelligent platzierte Harmoniewechsel schaffen einen Rahmen und generieren zusätzliche Spannung, wie etwa bei „India Lately“. Manchmal gerät die Konstruktion der Stücke rund um ein Sample etwas zu sehr nach Schema F. Trotz aller Gimmicks verliert beispielsweise das Thema von „Marriage“ auf Dauer an Anziehungskraft, mag Gold Panda es auch noch so inspiriert und abwechslungsreich umspielen.

„I’m With You But I’m Lonely“ ist der ungewöhnlichste Beitrag des Albums. Nach einem sehr atmosphärischen Beginn startet Schlagwerk, ganz in langsamen Wirbeln und mechanischem Ticken. Gleich einem Schwall Luftblasen steigt dann eine kurze Melodie auf. Verbunden mit dem Klang eines schnell angeschlagenen Saiteninstruments erinnert sie bald an die fließenden Gitarrenriffs afrikanischer Tanzmusik – ein Eindruck, den die zunehmend treibenden Drums noch verstärken. Diese Stimmung wird jedoch immer wieder unterbrochen von dramatischen Akkorden, während die Dynamik durch das gezupfte Sechzehntelgewitter bestehen bleibt. Diese Kneippkur erzielt eine ebenso überraschende wie stimulierende Wirkung und zeigt erneut Gold Pandas Talent für kreative Synthesen.

Vor der Fertigstellung von „Lucky Shiner“ befürchtete der Künstler in einem Interview, seine Arbeit könne mit einem Desaster enden. Das Gegenteil ist der Fall: Im familiären Rahmen hat der Goldbär ein Album geschaffen, mit dem er einigermaßen sicher sein kann, es mache sogar die Kinder froh. Und Erwachsene? Ebenso!

>> olian

Gold Panda: „Lucky Shiner“ (Ghostly/K7 Partners)

Publiziert in: FAZ, 13. November 2010

Tags: , , , , , , ,