Matthew Herbert: „Recomposed: Mahler Symphony X”

Matthew meets Mahler

Das Gute ist: Wenn eine Plattenfirma für klassische Musik Matthew Herbert mit der Neubearbeitung von Mahlers Zehnter Symphonie beauftragt, muss sie nicht befürchten, mit einem Beat aus dem Drumcomputer konfrontiert zu werden. Auch das Publikum rechnet inzwischen nicht mehr damit. Denn die Zeit, als Matthew Herbert Techno, House und Electronica gemacht hat und damit bekannt wurde, liegt nun schon einige Jahre zurück. Schon damals unterschieden ihn seine Musikalität und seine Experimentierfreude von der breiten Masse der Produktionen. Bestimmt half dabei, dass er bereits als Vierjähriger Klavier- und Violinenunterricht genoss und in Orchestern spielte. Und wenn Herbert für seine Elektronik-Freunde Remixe machte, stellten sie häufig das Original in den Schatten. Insofern ist er eine gute Wahl für das aktuelle Album der „Recomposed”-Serie – obwohl hier niemand ernsthaft einen direkten Vergleich von Original und Neuinterpretation anstellen wird.

Herbert unterhält schon seit 2003 eine Big Band und verändert deren Werke elektronisch. Dazwischen veröffentlicht er engagierte Konzeptalben, die beispielsweise Missstände bei der Produktion und Vermarktung von Lebensmitteln aufzeigen. Würde sich Herbert bei alledem nicht ausschließlich auf seine Maschinen konzentrieren, könnten wir augenzwinkernd fragen, warum er überhaupt noch ausgesucht wird für eine Reihe, die klassische und elektronische Musik zusammenbringen soll.

Matthew Herbert ist von Gustav Mahler fasziniert, weil sich die Brüche in dessen Biographie – wie zum Beispiel sein Übertritt zum Katholizismus – in seiner Musik widerspiegeln. Er gehe davon aus, Mahlers Menschlichkeit und Vielschichtigkeit sei ein Grund dafür, dass der Komponist heute so viel aufgeführt werde. Sich eine Symphonie vorzunehmen, bezeichnet Herbert im Gespräch schmunzelnd als „idiotische Entscheidung, die ich immer noch bereue”, so stresserfüllt sei die Umsetzung gewesen. Die Tatsache, dass die Zehnte unvollendet ist, hat Herbert nicht als Freibrief aufgefasst, sondern lediglich als Einladung, sich überhaupt an das Werk heranzuwagen. In der Bearbeitung fügte er wenig Kompositorisches hinzu: Er wollte vor allem die vorhandenen Emotionen sowie seine eigenen Reaktionen auf sie verstärken.

Um die Symphonie in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen, hat Herbert die Version des Philharmonia Orchestras unter Giuseppe Sinopoli an verschiedenen symbolträchtigen Orten abgespielt und zusammen mit Umweltgeräuschen aufgenommen. Wenn in einem Krematorium aufgezeichnet wird, schwingen für Matthew Herbert Mahlers früh verstorbene Geschwister und Kinder ebenso mit wie alle Toten des dazwischenliegenden 20. Jahrhunderts.
Matthew Herbert gestaltet die Aktualisierung auf mehreren Ebenen. Eine teilweise dramatische, schnell geschnittene, zur rechten Zeit aber ebenso behutsame Montage steht für die Ankunft in einer sich stets beschleunigenden Gegenwart. Oftmals lässt Herbert die gewaltigen Orchesterklänge bröckeln und vermittelt damit das Ende einfacher, endgültiger Wahrheiten. Alltagsgeräusche wie Schritte oder Stimmenfetzen symbolisieren die immerwährende Präsenz der Anderen. Erst gegen Ende erfolgt ein maschinelles Aufbäumen, bevor das Stück behutsam abschwillt und ausläuft.

Die Würde von Mahlers Werk bleibt gewahrt, Matthew Herberts Respekt ist durchgehend spürbar. Mit seinem subjektiven Ansatz lässt er umgekehrt jedem Zuhörer die Freiheit, ob er seine Interpretation teilen will – oder nicht.

>> olian

Matthew Herbert: „ Recomposed: Mahler Symphony X” (Deutsche Grammophon / Universal)

Publiziert in: FAZ, 17. Juli 2010

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