Cranfield and Slade: „12 Sun Songs”

Winterreifen für Klassiker

Ist es schon so weit gekommen: Muss ein Album Kunst sein, damit es Vinyl sein darf?  Wenn dem so ist, dann ist „12 Sun Songs” gut gerüstet. Das Aufklappcover besteht aus dickem Karton und schmeichelt der Haptik. Ein blassgelber Kreis auf weißem Grund ziert die Vorder- und die linke Innenseite der Hülle – Durchmesser 12 Inches. Bei genauerem Hinsehen offenbaren eine gewisse Körnigkeit Leinwand als Untergrund und Schlieren im Farbauftrag eine handgemachte Vorlage für diesen Druck. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: In der rechten Seite des Covers schlummert eine dritte Sonne. Die Platte, ohne Etikett, ist aus gelbem Vinyl und liegt so gut in der Hand, dass wir uns für einen Moment lang wenigstens die Sonne als Scheibe vorstellen können. Auf der rechten Innenseite ist in drei nüchternen Spalten die Songauswahl dieser Helios-Hommage aufgeführt, von „Here Comes the Sun” bis „Waterloo Sunset”, mit reichlich Platz für Komponisten und Interpreten.

Bezüge zu den 60er und 70er Jahren sind also gewollt: Nicht nur in der Zusammenstellung der Lieder, sondern auch in der Gestaltung als klassisches Konzeptalbum. „12 Sun Songs” ist ein Projekt aus einer Parallelwelt des Musikbetriebs – es wird umgesetzt von der Künstlerin Cathy Slade und dem Musiker Brady Cranfield, ist Teil der Edition eines Kurators und einer Galerie und wird herausgegeben und vertrieben über einen Kunstbuchverlag.

Aber nein, kein Kunsthype blendet uns – die Musik ist schlichtweg betörend. Affenhitze und drückende Schwüle fehlen, es geht um „das fahle, nördlich karge Licht einer gleichgültigen Sonne”, wie die Linernotes treffend feststellen. Der Sound ist willentlich unaufdringlich, das genaue Gegenteil des überstrapazierten „fett”. Wir könnten es Lo-Fi nennen oder uns einfach der Illusion hingeben, das alles spiele sich irgendwo draußen im milden Sonnenlicht ab, wo jede Kompression kraft- und wirkungslos verhallt. Zurückhaltend eingebrachte Fieldrecordings auf der Platte erleichtern übrigens den Einstieg in diesen Zustand. Ansonsten ignoriert Cathy Slades feenhaft entrückter Gesang jeden Anspruch auf Virtuosität und macht gerade dadurch die bekannten Melodien in aller Klarheit neu erfahrbar.

Dementsprechend organisieren Cranfield and Slade die Stücke konservativ-kompakt, schubsen sie damit noch ein wenig mehr in Richtung Schlager. Trotz des Understatements im Klang orchestrieren die Musiker die Kompositionen liebenswert, ja bisweilen humorvoll: So unterlegt ein galoppierender Bassdrum-Wirbel aus der Rhythmusmaschine den süßlichen Refrain von Velvet Undergrounds „Who Loves the Sun?”.
Die „12 Sun Songs” könnten die Musik gewordene Variante des Mäuserichs „Frederick” aus Leo Lionnis Kinderbuch werden: Die in den Songsommern der 60er und 70er Jahre gesammelten Sonnenstrahlen, an denen wir uns im Winter wärmen.

>> olian

Cranfield and Slade: “12 Sun Songs” (Christoph Keller Editions bei JRP|Ringier/www.vice-versa-vertrieb.de)

Publiziert in: FAZ, 30. Januar 2010

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