Raz Ohara and the Odd Orchestra: “II”

Der Tag der Hilflosigkeit

Die landschaftliche Schönheit rund um Berlin wird häufig unterschätzt. Dabei haben die lasche Hand des Kollektivs und die Jagdlust der ostdeutschen Parteioberen oftmals eine natürliche Flora und Fauna erhalten, wie sie in der flurbereinigten, agrarwirtschaftlich voll erschlossenen Ödnis im Süden des Landes kaum noch zu finden ist. Dort siecht ein toter Landschaftspark, hier herrschen Artenvielfalt und Wildwuchs. Und an den vielen Brandenburger Seen wird der sandige Boden zum Sandstrand. Ein paar Veranstalter nutzen die Infrastruktur ehemaliger Pionierlager oder Sowjetflughafen für Festivals, mal Folk, mal Elektronik, manchmal beides.

Dort, so wird kolportiert, suchten Raz Ohara and the Odd Orchestra Inspiration für ihre neue Platte „II”. War es die Natur? Seit dem letzten Album von Raz Ohara scheinen jedenfalls die zahllosen und unberechenbaren Faktoren, die die Entstehung eines Werks beeinflussen, in eine (noch) günstigere Konstellation geraten zu sein. Oder fungierte Tom Krimi als Katalysator? Der Gitarrist ist der Neuzugang neben Oliver Doerell und macht die Band zum Trio.

Natürlich gibt es auf „II” noch die typischen Songs von Raz Ohara. „The day you suffered helpless…” beispielsweise beginnt ganz gewöhnlich mit akustischer Gitarre und Vocals. Doch bald sind die Effekte auf der Stimme so grotesk und Raz Oharas Intonation fast karikatural, dass es wie ein Abgesang auf diese Form wirkt. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen – und das ist neu – schwebende Kollagen. „Wildbirds” kommt aufreizend langsam in Schwung. Erst nach einem Drittel des Stücks haben sich Gitarrenlicks und Akkordeonschnarren, hippieske Chöre und allerhand atmosphärisches Gezirp zu etwas Kohärentem gepuzzelt, dabei aber stets die Aufmerksamkeit des Hörers gefesselt.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine Mischform, die mit „Losing my name” und „Kingdom” zwei der besten Titel der Platte hervorbringt. In letzterem stricken die Musiker einen nervösen Untergrund aus Vibraphontropfen und Flötenbrodeln. Der Gesang arbeitet mit einem Kontrast von tiefem Gegrummel und aufbrausender Kopfstimme. Wie an anderer Stelle auch wirkt Melodieführung ein wenig orientalisierend – insgesamt ein entrückendes Erlebnis.

Allmählich schälen sich einige konstitutive Elemente von „II” heraus: Kurze, im Klang variierte Loops von Gitarre oder elektronischen Instrumenten fügen sich zu einem pointillistisch montierten Flow. Dröhnendes Rockschlagzeug fehlt völlig, aber selbst die sparsamen perkussiven Komponenten laufen selten durch. Diverse Rückwärtseffekte und Stimmarrangements verweisen in die 60er und 70er, überhaupt weht ein Hauch von Blumenkindern durch das Album. Womit wir wieder bei der Natur angelangt wären. Das Gute an dieser mutmaßlichen Landkommune ist: Es scheint, als wäre da noch mehr drin.

>> olian

Raz Ohara and the Odd Orchestra: „II“ (Get Physical Music)

Publiziert in: FAZ, 6. Februar 2010

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