Guido Möbius: „Gebirge“

Trittfest

Es menschelt in Guido Möbius „Gebirge“. Denn er und sein Vokalist Go:Gol teilen eine Vorliebe für das Onomatopoetische, will sagen für das „Laut-, Klang- und Schallnachahmende“ (danke, Duden!). Im Canyon können sich also während eines Breaks kontrolliert-unkontrollierte Ausrufe zu einem wilden Kanon steigern. Ein Chor pfeifender Wandersleut ersetzt einen Bläsersatz (obwohl es die später auch gibt) und macht es sich für die nächsten Tage im Gehörgang bequem. Oder es kommt ein zutiefst humanes Schnauben anstelle einer Sologitarre, die zwangsläufig verzerrt und damit so pathetisch wäre wie ein Heimatfilm. Jawohl, Guido Möbius hat auf seiner Bergtour eine ordentliche Portion Humor im Gepäck. Zielsicher vermeidet er die engen Täler stilistischer Festlegungen. Da drückt es eben noch noisy aus der Felsspalte, aber schon ein paar Minuten weiter entlang des Pfads öffnet sich eine blumige Wiese – love & peace. Die Wegmarkierungen weisen von zerklüftetem Liedgut nach Electronica, im Hintergrund grollt eine Lawine ihr Wissen um Techno. „Roosevelts Mayo“ ist so ein abwechslungsreicher Trip: Spannungsgeladener Aufstieg über einige Rocks, ein fast volksmusikalischer Mittelteil, schließlich Talmarsch in ein apokalyptisches Bläserinferno. Und der erdige Funk von Guido Möbius Gitarre hält uns stets auf trittfestem Gelände.
Wer weiß, dass Guido Möbius seine Konzerte nur mit ebendieser Gitarre, aber mit einer beeindruckenden Batterie an Bodeneffekten bestreitet, ahnt, wie viel auf dieser Platte handgemacht ist. Auf der Platte verweist jedoch lediglich das live mitgeschnittene „Princess of Porz“ auf die loopbestimmte Einmann-Show. Denn zum Glück klingt „Gebirge“ – bis auf einige wenige etwas konstruiert wirkende Arrangements – nie nach einer Alleinbesteigung. So ließ der Künstler über nahezu alle Stücke eine live eingespielte HiHat legen und erzielt damit einen höchst erfrischenden Effekt. Gerade im Bergland gilt eben auch: Never walk alone!

Guido Möbius: „Gebirge“ (Karaoke Kalk)

>> olian

Publiziert in: FAZ, 1. September 2009

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