Festivalbericht Mutek 2007

Minimal Techno vs. erfrischende Rohheit

Sommer in Montreal: eine ausgelassene Menschenmenge tanzt vor einer Freiluftbühne zu dem Live-Set des kanadisch-argentinischen Elektronikduos Chic Miniature. Ein paar Hundert Musikbegeisterte sind unter der beeindruckenden Metallskulptur „L’homme” versammelt, die hier zur Weltausstellung 1967 aufgestellt wurde. Von der Insel Sainte-Hélène blicken sie über den Sankt-Lorenz-Strom auf die bescheidene Skyline von Montreal. In der warmen Jahreszeit findet dieses familiäre „Piknicelectronik” jedes Wochenende hier im Park Jean Drapeau statt und zeigt, wie gut die elektronische Musik in der Stadt verwurzelt ist. Dass Künstler aus Kanada inzwischen recht massiv in der Clubszene weltweit mitmischen, verdanken sie zu einem nicht geringen Teil dem Mutek-Festival, das in Montreal gerade zum achten Mal über die Bühne ging. Akufen, Mike Shannon, Deadbeat, Tim Hecker, … die Liste der Ehemaligen liest sich wie ein Who-is-who des kanadischen Techno. „Ich würde soweit gehen zu sagen, ohne Mutek hätten wir kanadischen Künstler vielleicht zehn Prozent unseres heutigen Erfolgs”, sagt Jeff Milligan, DJ, Produzent und seit 1999 Betreiber des Labels Revolver.

Natürlich gibt es schon vor dem ersten Mutek im Jahr 2000 eine lange Tradition unterschiedlichster elektronischer Musik aus Kanada. 1990 gründen Richie Hawtin und John Acquaviva in Windsor (also auf der kanadischen Seite der Techno-Wiege Detroit) ihr Label Plus 8. In Toronto entwickelt sich unter dem Einfluss von Chicago schon früh eine House-Szene. Mitte der 90er werden dort große Raves gefeiert, die von britischem Drum n Bass und Jungle inspiriert sind und für viele spätere Produzenten zum Initiationserlebnis werden. In Montreal arbeiten Ende der 90er äußerst unterschiedliche Künstler an Micro-Funk, Electronica oder Minimal Techno. Sie halten wiederum Kontakt mit ihren Gesinnungsgenossen in New York oder Kontinentaleuropa, so dass beispielsweise 2002 auf dem Frankfurter Label Force Inc. die zusammenfassende Compilation „Montreal Smoked Meat” erscheint. „Es gab unglaublich viele talentierte Leute hier, aber wir wussten wenig voneinander”, sagt Mitchell Akiyama, Musiker und Betreiber des eklektischen Labels intr_version. „Durch Mutek haben wir unsere eigene Community überhaupt erst kennen gelernt und Kontakte zu etablierteren Künstlern in Deutschland und den USA aufgebaut.”

Inzwischen sind die kanadischen Musiker so gut im Geschäft, dass die kanadische Szene mit einem anderen Phänomen zu kämpfen hat, nämlich der Abwanderung der Künstler nach Europa. Aufgrund der besseren Infrastruktur für Auftritte und Labels bedeutet ein Umzug für viele von ihnen eine praktische Erleichterung und einen Karrieresprung zugleich, zumal auch einige kanadische Label über den Atlantik gegangen sind. „Sollen wir etwa alle unsere Koffer packen und nach Berlin ziehen?”, fragt Alain Mongeau, Gründer und künstlerischer Leiter von Mutek. Nein, Mongeau hat sich dafür entschieden, eng mit Europa zu kooperieren und parallel von Montreal aus eine Art panamerikanisches Netzwerk aufzubauen. Deshalb organisiert das Festival seit einigen Jahren in Mexiko, Brasilien und Chile so genannte Micromuteks.

Wer bei der diesjährigen Ausgabe in Montreal – fünf Tage Programm in fünf ansprechenden Locations – die Nachwuchsförderung sehen will, kann im Festivalzentrum im Hotel Godin an einem Panel namens „Demo Derby” teilnehmen. Drei Labelbetreiber und zwei Musikjournalisten hören sich die Einreichungen junger Künstler an. Insgesamt fallen die Urteile erstaunlich milde und einheitlich aus, was vielleicht erklärt, warum so viel durchschnittliche Musik verbreitet wird. Als es um die Auswahlkriterien der Label für neue Künstler geht, kann sich nur der Betreiber des kalifornischen Labels Context, Seth Horvitz, zu einem klaren Bekenntnis für Innovation durchringen. Allerdings habe er Schwierigkeiten, einen Vertrieb für seine Veröffentlichungen zu finden.

Mutek rühmt sich, über die Hälfte der rund hundert auftretenden Künstler seien aus Kanada. Das Gros davon wird aber wenig Arbeitnehmer freundlich unter der Woche im kostenlosen Nachmittagsprogramm präsentiert. So rackern sich drei Tage lang zehn mehr oder weniger interessante Live-Acts für ein paar Dutzend Leute Publikum ab, es dominiert das Genre Minimal Techno. Immerhin sind die Anwesenden, für deren entspannte Diskussionen sie als Soundtrack dienen, damit überwiegend internationales Fachpublikum, das nach einer geglückten Performance durchaus Kontakt sucht. Ein Auftritt der Band Ensemble beendet diesen Teil des Festivals und verweist auf die in Kanada traditionell enge Wechselbeziehung zwischen experimenteller Gitarrenmusik und elektronischen Produktionen.

Die bestplatzierten Kanadier sind dieses Jahr Cobblestone Jazz am Freitag Abend im großen Saal des Metropolis, einem ehemaligen Theater, das Austragungsort der gutbesuchten Wochenendveranstaltungen ist. Zwei Jazzmusiker ergänzen in dieser Formation die Tracks des erfolgreichen Produzenten Mathew Jonson. Freilich sind es eher dessen flockig-rollenden Kickdrums und die kompakten Basseinsprengsel, die auf das Publikum euphorisierend wirken, denn ein bisweilen in einen Break eingestreuter E-Piano-Akkord. Zumindest an diesem Abend bewährt sich der kleinere Raum Savoy als Alternative zum Tanz-funktionalen großen Saal. In Erinnerung bleiben wird der Auftritt von MEC: drei headbangende Gestalten mit Motorradhelmen knien vor einem Gewirr aus Samplern und Effektpedalen auf dem Boden. Unter einem allgemeinen Schleier der Verzerrung entladen sich dumpfe Rhythmen, aufheulende Loops und unter dem Visier wüstes Gebrüll – ein Klanginferno voller Humor und erfrischender Rohheit.

Dank Mutek, den Kontakten in alle Welt und seiner lebendigen Szene hat Montreal in den Kreisen der elektronischen Musik einen festen Platz gewonnen und halten können. Während die Festivalorganisatoren schon an das zehnjährige Jubiläum denken, wünscht man sich aus dieser Sicherheit heraus wieder ein bisschen mehr von der Experimentierfreude seiner Anfänge zurück.

olian

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