Swayzak: “Loops from the Bergerie”

„S-A-UND“

Kommt ein Snob zu einem Banausen und sieht das neue Swayzak-Album „Loops from the Bergerie” im Schrank stehen. Snob mag den Banausen, zudem ist ihm eine leicht herablassende, pädagogische Ader zu eigen. Er holt zunächst zu einem Exkurs über das Vorgänger-Album „Dirty Dancing” aus, das der treue Banause ebenfalls im Regal hat. Sicherlich sei das für House-Musik ein beachtlicher Erfolg gewesen. Viel hätte nicht schief gehen können, denn die Platte war schön minimal wie damals die Zeichen der Zeit. Dazu erklangen als leicht wieder erkennbare Schlüsselreize 80er-Anleihen und charakteristische Vokalisten. Doch bei genauerem Hinhören, ereifert sich Snob, hätte man wohl nur selten eine ähnlich künstliche, ja aseptische Produktion vernommen. Nun also der Nachfolger. Snob weiß Bescheid, denn:
Snob ist Snob, weil er (alle Lichtjahre einen) Artikel für die Zeitung mit dem klugen Kopf dahinter schreibt, darauf kann er sich schon was einbilden. Die Jungs von Swayzak hat er sogar getroffen unter diesem Vorwand. Wie überrascht war er da, als er ankam im Gebäude der Plattenfirma mit seinen großen Pop-Theorien und dann auf zwei ganz bodenständige englische Jungs traf, die mit seinen ausdifferenzierten Fragen nicht viel am Hut hatten. Das fängt schon beim Albumtitel „Loops from the Bergerie” an. „Les loups dans la bergerie” ist ein Film von Hervé Bromberger aus dem Jahr 1959, Serge Gainsbourg hat die Musik beigesteuert. Vermutlich ziemlich sophisticated – weder konnten Snobs Freunde beim deutsch-französischen Kulturfernsehen den Streifen, noch passionierte Chanson-Sammler die Filmmusik auf die Schnelle auftreiben. Snob schwitzend weil schlecht vorbereitet beim Interview. Aber Swayzak-Frontmann David „Brun” Brown hat den Film selber nicht gesehen, nur wurde die Platte in einer Bergerie im Süden Frankreichs aufgenommen. Brun hat einfach Google benutzt und stieß auf den Film. Übrigens hätten sie gehört, dass Gainsbourgs Musik nicht seine beste Arbeit sei, sagt Kenny Paterson, neben James Taylor das dritte Swayzak-Mitglied. Snob leicht verwirrt und irgendwie erleichtert, Swayzak müssen über die „esoterische, high eyebrow” Presse lächeln. (Banause ist übrigens Banause, weil er sich diese Art der Presse spart.) Diese Episode verschweigt Snob selbstverständlich.
Inzwischen hat Banause das Bier mit der Segelbootwerbung (in der Goldversion: Mädchenbier!) hingestellt, Snob rümpft innerlich verächtlich die Nase. Doch das Bier zeigt unmittelbare Wirkung. Anekdotenhaft schildert er die Begegnung mit den Engländern. Naturgemäß sei es viel um sound gegangen. Dabei betonten die in London lebenden, aber aus Glasgow stammenden Swayzak das englische „ou” aber nicht wie das deutsche „au”, sondern einzeln „A-U”, wobei der Mund beim „-UND” enorm in die Breite gehe und der Unterkiefer weit nach vorne komme. Komplizenhaftes Gekicher zwischen Snob und Banause. Kurzum, wie viele andere House-und Techno-Produzenten hätten auch Swayzak bemerkt, dass ausschließlich am Laptop gemachte Musik auf Dauer recht tot klänge. Deshalb wollten sie diesmal die vorproduzierten Loops mit richtigen Instrumenten zu Songs ergänzen. Also wurden in der Bergerie Gitarren und Percussions gespielt und Sänger eingeladen, die Laptops aber nur für Aufnahme und Nachbearbeitung benutzt. Swayzak hätten sogar Fehler und Nebengeräusche toleriert, wenn dadurch nur mehr Tiefe und Atmosphäre in die Stücke gelangte. Snob im Redefluss, Banause nickt ehrfürchtig.
Trotz all der heißen Luft Snobs hat Banause es endlich geschafft, „Loops from the Bergerie” in den CD-Player zu legen. Die erste Hälfte des Albums läuft wie eine geschlossene Einheit an ihnen vorbei. Im Zentrum das instrumentale Titelstück „Bergerie”, eine stimmungsvolle Variation des vorangehenden Stücks „Another Way”. Wie beim nachfolgenden „My House” stammt der Gesang von Richard Davis. Seine trockene, etwas näselnde Stimme ist die prägendeste des Albums (findet Banause), auch wenn sie gerne ein wenig nonchalant nachhängt (ein bisschen wie Udo Jürgens, frozzelt Snob). Tatsächlich sind diese Stücke erdiger als auf „Dirty Dancing” und bleiben dennoch tanzbar. Mit „Snowblind” und „Speakeasy” brechen Swayzak mit dem Anschein eines reinen Club-Albums. Purist Snob stehen ob der fast schon komisch anmutenden Rock-Anleihen die Haare zu Berge, während Banause ungezwungen wippt und bangt. Den Stücken mit den kraftlosen Sängerinnen Clair Dietrich und Mathilde Mallen können hingegen beide nicht viel abgewinnen. „8080″ konzentriert die gelegentlichen Fehlgriffe, die sich bei anderen Stücken in Form von billig-breiigen Keyboards oder mit schlechten Halleffekten unterlegten Percussions zeigen: Was hat in diesem sich langsam aufbauenden, Schlagwerk lastigen Stück ein rumpelndes Big-Beat-Schlagzeug zu suchen? Kopfschütteln allenthalben…
„Loops from the Bergerie” ist eines der Alben, über die man sich freut, wenn man sie bei jemand findet, mit dem man sonst keine musikalischen Gemeinsamkeiten hat, denkt Snob, während er auf dem Heimweg ausnüchtert. Kann man haben, muss man aber nicht haben.

Publiziert in: FAZ, September 2004

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