Buchbeitrag: Flyersoziotope, Mike Riemel (Hg.), Verlag der Jugendkulturen

Funker und Flyer

Neigt jede Gemeinschaft zur Entwicklung einer eigenen Flyerkultur? Noch wie heute sehe ich meinen Großvater vor einer Schublade sitzen, wie er eine Sammlung mit Hunderten von „Flyern” im Postkartenformat durchforstet. Er ordnet sogenannte QSL-Karten – meine Großeltern sind Funkamateure, die Karten zeugen von ihren Verbindungen in die Welt. In meinen Kinderaugen bilden die Funkamateure eine eingeschworene, aber stets freundliche Gruppe, die mich fasziniert. Aber nie darf ich ihre Funkstationen mit den Handmikrofonen benutzen. Der Initiationsritus heißt „Lizenz”, eine ernste Prüfung über Vorschriften, Technik und …Morsen! Mit der Lizenz bekommt der „Funker” sein persönliches Rufzeichen, wie zum Beispiel das DL6IL meines Großvaters, das sich für immer in mein Gedächtnis einprägt. Das Rufzeichen ist der Erkennungscode, das Alter Ego, ja warum nicht der Künstlername in dieser Gemeinschaft. Seit jeher verbindet sie ihre Technikbegeisterung. Dank dem Gebrauch von Walkie-Talkies dürfen die Funker wohl als Pioniere der mobilen und drahtlosen Kommunikation gelten. Früher, in den 50ern, plünderten sie Radios für ihre selbstgebauten Stationen: Fertige Geräte kaufen war etwas für „Steckdosenamateure”.

Die Tradition der QSL-Karte entsteht mit dem Beginn des Mediums. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wird noch gemorst. Bei den unsicheren Verbindungen, abgekürzt QSL, tauschen die Funker nachher lieber eine schriftliche Bestätigung aus. Heute ist es Sammlerleidenschaft, die Internetseiten und Wände von Hobbyräumen füllt. Auf der einen Seite einer „QSL” stehen die Angaben der Verbindung. Damit können die Funkamateure dann Diplome wie das „Work All Continents” beantragen. Beginnen wir hier Parallelen zur Clubszene zu ziehen, so ist das durchaus eine Herausforderung. Wie jeder Veranstalter sich auf seiner Werbung mit Logo oder Namen identifiziert, so druckt der Funkamateur auf die Bildseite der Karte sein Rufzeichen. Im Weiteren nehmen beide Gruppen bei der Bebilderung ihrer „Kartons” gerne auf ihren Standort Bezug, den vom Deutschen Amateur-Radio-Club geforderten „Anstand und guten Sitten” mögen die Partyveranstalter aber nicht immer genügen.

Möglicherweise sind die Funkamateure sogar Vorreiter in Sachen Sponsoring. Schon in den 60er und 70er Jahren fördern Betriebe die Herstellung von QSL-Karten ihrer Angestellten, wenn das Firmenlogo abgebildet ist. Heute kaum zu glauben, zapfen geschickte Funker sogar staatliche Stellen für ihre Flyer an. Etwas verlegen berichtet meine Großmutter, wie Kollegen für QSL-Karten mit dem Abbild der Heimatstadt einen Druckkostenzuschuss vom Fremdenverkehrsamt aushandelten. Zudem gibt es bei der Verteilung der Flyer und Karten gewisse Gemeinsamkeiten. Zwar wirbt der Club-Flyer für einen Ort und eine Veranstaltung, zu der der Betroffene hingeht oder nicht. Die Funker besuchen hingegen „Club-Abende” (!) und erhalten erst dort über ihre Verbände die Karten für vorangegangene Gespräche. Aber muss nicht auch der Party-Mensch regelmäßig abends in den Club, um Info-Material für neue Streifzüge zu ergattern?

Geographisch bildend und völkerverbindend seien die QSL-Karten, schreibt meine Großmutter. Sie erzählt von Karten aus dem Ostblock, als der Eiserne Vorhang noch Realität war, die Menschen über Amateurfunk aber dennoch kommunizieren. Ich drücke auf „Antworten” und tippe: Auf unseren Flyern stehen die Herkunftsorte der Musiker, DJs und Labels. Sie bilden eine bewegliche, internationale Community, die sich – wenn es gut läuft – beim Feiern vermischt und sich dann mit reichlich Emails beglückt. In Funkersprache schließe ich: 73 + 88, Gruß und Kuss.

Dank an DF5RM, DL6IL und DH9JS

Publiziert in: Flyersoziotope, Hg. von Mike Riemel, Verlag der Jugendkulturen, 2005.

Tags: , , ,