Andromeda Mega Express Orchestra: “Take Off”

Ohrenreise

Woher kommt diese unglaubliche Musik, bei der wir kaum unseren Ohren trauen? Fast scheint es wirklich, als könne uns nur der Weltraum das Andromeda Mega Express Orchestra bescheren, diese zwanzig jungen, hochkarätigen Musiker, die sich um den Komponisten Daniel Glatzel scharen. Tatsächlich ist es aber ein bunter Haufen unterschiedlicher Nationalitäten mit Hauptsitz in Berlin. Acht Bläser von Piccolo-Flöte bis Bassklarinette treffen auf ebenso viele Streicher von Geige bis Kontrabass, ergänzt durch eine Rhythmusgruppe und die willkommenen Exoten Vibraphon und Harfe. Mit Herz und Verstand eingesetzt kann daraus ein eigenes Universum geschaffen werden – eine Hoffnung, die das Orchester auf seiner fiktiven Jungfernfahrt „Take Off!” zu hundert Prozent erfüllt.

Der Ablauf dieser Ohrenreise gestaltet sich höchst abwechslungsreich. Mal gibt es Passagen mit klaren Motiven, süßlich oder spannend, wie aus einem Filmscore. Dann überraschen rauschhaft freejazzige Sequenzen. Aber Ordnung und kreatives Chaos agieren hier nicht nur nacheinander, sondern auch zeitgleich: Häufig unterminieren kratzende Bratschen, Ziehflöten oder gar ein zweckentfremdeter Reiskocher die scheinbar heile Welt und verleihen ihr zusätzliche Tiefe. Zuweilen mündet ein Stück – beispielsweise „Asteroids” – in subtil kolorierte atmosphärische Passagen zwischen Ambient und Voodoo, in denen die Grenzen einzelner Instrumente lustvoll ausgereizt werden. Die Kompositionen machen den Ausflug zu einer Kneipp-Kur zwischen Revueorchester, durchgeknallter Jazzcombo und experimental-akustischen Sphärenklängen. Der Spannungsbogen wird indes durch die gewitzten Arrangements stets gehalten, als Hörer hängen wir förmlich an den Lippen, Bögen und Händen der Musiker.
Dieses Album ist ein Erlebnis, und irgendwie drängt sich der Gedanke auf, Arkestra-Chef und Weltraumfreak Sun Ra hätte an dieser virtuosen und freakigen Truppe seine helle Freude gehabt.

Andromeda Mega Express Orchestra: „Take Off!” (Alien Transistor)

>> olian

Publiziert in: FAZ, 23. Mai 2009

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